Leseprobe
198 Plauen im Sozialismus Da die fünf Bedürftigen- und Altersunterkünfte der Stadt – das stark beschädigte Wohlfahrtsheim in der Reißiger Straße, das teilzerstörte Tennera-Asyl, das Friedrich-Krause-Stift, die Schweizerhöhe und das Kin derheim »Sonnenland« in Kobitzschwalde – völlig über lastet waren, richtete das Wohlfahrtsamt noch mehrere provisorische Obdachlosenheime ein. Die städtischen Stellen versuchten, Möbel und Hausrat auf den Dörfern zu kaufen, und der im Oktober 1945 gebildete Ortsausschuss der Volkssolidarität sam melte Geld, Bekleidung, Möbel und Heizmaterial. Im Win ter 1945/46 öffnete die Stadt Wärmestuben in 28 Gast stätten, in denen etwa 40000 Aufenthalte gezählt wur den. Dennoch konnte gerade im Extremwinter 1946/47 nicht verhindert werden, dass Menschen erfroren. Entnazifizierung, Enteignungen Mit dem Wechsel der Besatzungsmächte begann im Som mer 1945 die systematische »Säuberung« in allen Be reichen des öffentlichen Lebens. Ende Juli 1945 zog ein sogenannter Blockausschuss (auch Aktions- oder Dreier- Ausschuss) in die Stadtverwaltung ein. Dem Gremium gehörten je ein Vertreter von SPD (Vorsitz), KPD und der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) an, wenig später stieß auch die CDU dazu. Seine Aufgabe: das Aufspüren und Abstrafen von Personen mit NS-Vergangenheit. Bereits wenige Tage nach seiner Konstituierung legte der Ausschuss eine offensichtlich bereits vorab erstellte Liste mit den Namen von 790 Personen vor, die während der NS-Diktatur in Plauen und Umgebung her ausgehobene Positionen in Partei und Staat eingenom men hatten oder die als besonders treue Anhänger des Naziregimes galten. Aufgeführt wurden 377 NS-Ehren zeichenträger (vergeben an Parteigenossen mit einer Mitgliedsnummer unter 100000, die sogenannten Alten Kämpfer, oder für »besondere Verdienste«), weiterhin »Denunzianten, Verbrecher gegen die Menschlichkeit«, SS-Angehörige, Angehörige der Gestapo und des SD, wahlunwürdige Personen (vermutlich nahe Verwandte hoher NS-Repräsentanten), SA-, NSKK- und NSFK-Ange hörige von Truppenführern aufwärts und NSDAP-Mit glieder ab Ortsgruppenleiter. Dieser Personenkreis sah sich strengen Sanktionen ausgesetzt. Er durfte nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten, kein Gewerbe ausüben, keine leitenden Stel lungen in Unternehmen bekleiden. Die NS-Aktivisten mussten ihre Wohnung samt Mobiliar und Hausrat auf geben, ihre Gärten ebenso. Ehrenzeichenträger wurden zudem zeitweilig in ein Sammellager in Zwoschwitz ein gewiesen, ihre Konten beschlagnahmt. Auch einfache Mitglieder der Nazipartei und ihrer Gliederungen gerieten bald in den Sog der Maßregelun gen. Ab dem 1. August 1945 mussten sie eine monatliche Zwangsabgabe in Höhe ihres früheren Mitgliedsbei trags an die Stadtkasse zahlen. Sie erhielten keine Rente, vielen, auch Ehepartnern und Angehörigen, wurde die Wohnung gekündigt. In der Landwirtschaft waren in den Plauener Stadt teilen Tauschwitz, Kleinfriesen und Chrieschwitz im Spätherbst 1945 im Zuge der Bodenreform Personen mit mehr als 100 Hektar Grundbesitz enteignet worden, desgleichen tatsächliche oder angebliche National sozialisten und Kriegsverbrecher. Das Land wurde, in der Regel in Fünf-Hektar-Parzellen, an sogenannte Neu bauern verteilt. Mit Beginn des Jahres 1946 schlugen die neuen Machthaber einen gemäßigteren Kurs gegenüber ehe maligen NSDAP-Mitgliedern ein. Unter bestimmten Vo raussetzungen konnten Ex-NS-Parteigenossen sogar in die KPD eintreten. Woher der Sinneswandel? Im Som mer und Herbst 1946 standen der Volksentscheid, die Kommunal- und die Landtagswahl an, und die KPD brauchte auch Stimmen aus den Reihen einstiger be kennender Hitler-Anhänger. Immerhin machten in Sachsen ehemalige NSDAP-Mitglieder und deren Fami lienangehörige etwa die Hälfte aller Abstimmungsbe rechtigten aus. Im Vorfeld des »Volksentscheids über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes« am 30. Juni 1946 waren in Plauen auf Befehl der Sowjets 72 Unternehmen beschlagnahmt worden. 33 Firmen gingen vor der Abstimmung zurück an die Eigentümer, 28 wurden mit dem Volksentscheid enteignet, elf blieben unter Kontrolle der SMAS. Um die Bevölkerung an die Wahlurnen zu agitieren, organi sierte die SED mehrere Großveranstaltungen mit Polit prominenz, auf der finalen Kundgebung sprach sogar Am Fußboden festgefroren Die stadtbekannte Medizinerin Dr. Dr. Elisabeth Tröger arbeitete von 1947 bis 1977 als niedergelassene praktische Ärztin und Fachärztin für Innere Medizin in Plauen. Über die Not der Bevölkerung nach dem Krieg schrieb sie in ihren Erinnerungen: »Mein Praxisbeginn fiel in den eiskalten Winter 1947. Ich musste morgens bei 4 Grad Celsius Sprechstunde halten. Der aus Trüm- mern gerettete eiserne Ofen, der Kohlenknappheit wegen vorwiegend mit Trümmerholz gefüttert, brachte bis Mittag den Raum nicht über 10 Grad. Die Nachmittagssprechstunden musste ich daher in die Wohnräume meiner Familie verlegen. Schwerpunkt meiner Tätigkeit waren anfangs schwere Erkältungskrankheiten, die bei der durch Hunger und Überanstrengungen geringen Widerstandskraft der Patienten nicht selten tödlich endeten. Erfrierungen waren häufig, z. B. fand ich auf dem Weg zur Praxis eines Morgens einen auf der Straße liegenden Erfrorenen. Eine im Zimmer gefal- lene Frau fand ich tot vor, am Fußboden angefroren. Hautkrankheiten waren so häufig, dass ich zu deren Behandlung Sonder- stunden festlegte. Seife war knapp, die Wasserleitungen vielfach zerstört, warmes Waschwasser bei den Patienten eine Seltenheit. So entstanden nicht nur Schmutzinfektionen, sondern vielfach Hautschäden durch Flöhe, Läuse, Wanzen u. ä. Auch Darmkrankheiten kamen gehäuft vor, z. T. dadurch, dass die ausgehungerte Bevölkerung aufgefundene Lebensmittel, nicht essbare Pilze, eingesammelte Kräuter, selbst denaturierten Alkohol zu sich nahm oder dass gehamsterte Lebensmittel nicht einwandfrei waren. […]« Sammlung Heinz Zehmisch
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1