Leseprobe
230 Plauen im Sozialismus germeister Gerhard Voigt beispielsweise in einem Inter view mit dem »Radio DDR« freimütig, dass der Woh nungsbau in den vergangenen Jahren »bedingt durch die Wassersituation« ausgesetzt werden musste. 1985 wurde deswegen ein groß angelegtes »Pro gramm der Stadt Plauen zur rationellen Wasserverwen dung 1986–1990« vorgelegt. Die instabile Lage beim Trinkwasser zeigte sich gerade bei Trockenperioden wie im Sommer 1988. Fehlte das Regenwasser, kam es gerade in den 128 Kleingartensparten zu hohen Was serentnahmen, was sich schnell in der ganzen Stadt bemerkbar machte. Das Problem hing aber auch mit der maroden Infrastruktur zusammen: Rohrbrüche waren an der Tagesordnung und die sanitären Anlagen oft deso lat. »Ein absolutes Problem in unserer Stadt sind die defekten Spülkästen und Thermoregler«, wie der Stadt rat für Umweltschutz und Wasserwirtschaft an den Oberbürgermeister berichtete. Aufgrund der Material knappheit war man 1986 nicht mehr in der Lage, das »Rohrbruchgeschehen zu beherrschen« und akzeptab len Wasserdruck in den Altbauten sowie an Hochlagen (z. B. den »Punkthäusern« am Oberen Bahnhof) zu ge währleisten; beim Rat der Stadt musste daher festge stellt werden, dass »die elementarsten Versorgungsauf gaben [...] nicht mehr erfüllt werden« können. Probleme mit der Wasserversorgung traten auch auf in höher gelegenen Ortslagen außerhalb der Stadt wie etwa Thiergarten, Meßbacher Straße, Nach den drei Bergen, Ober- und Unterlosa, Kinderkurheim Kemmler sowie der Siedlung Neundorf. Die Brisanz der eigentlichen Umweltprobleme un terstrich der Stadtrat im Schreiben mit dem Verweis »auf die Häufung von Eingaben, Hinweisen und Be schwerden zur Luftbelastung [...] zumal die Formulie rungen der Eingaben immer aggressiver werden.« Hier ging es ihm besonders um das Problem des VEB Säch sische Zellwolle und eine »dringend erforderliche Ab sorptionsanlage« für schädliche Abgase. Der Betrieb hatte sein Werk südwestlich der Stadt im Elstertal und produzierte mit über 600 Beschäftigten pro Jahr circa 20000 Tonnen Viskosefaser. Obwohl die damit einher gehende immense Umweltverschmutzung schon jahre lang im Gespräch und Einwohnern stets baldige Besse rung versprochen worden war, wurde der Termin zur Installation immer wieder hinausgeschoben. Tatsächlich war das Problem seit den 70er-Jahren virulent und be schäftigte Bürger, Betrieb und Verwaltung. Die Misere an sich war dabei so alt wie die Fabrik selbst, die Mitte der 30er-Jahre in der Plauener Hauptwindrichtung er baut worden war. Nun kochte es insbesondere im Vor feld von Wahlen hoch und vor Ort gab es daher ernst hafte Versuche, durch Gremienarbeit, fachliche Exper tise und Kontaktaufnahmen mit höchsten staatlichen Stellen Besserung herbeizuführen. Da sich jedoch nie etwas änderte, merkten und äußerten die Bürger bald, »daß es sich hierbei lediglich um Wahlversprechen han dele«, was ihren Unmut weiter schürte – das war 1979. In der Praxis scheiterte die Umsetzung der teuren Um weltschutzmaßnahme immer wieder an fehlenden Mit teln und bürokratischen Hürden in oder zwischen den zuständigen Ministerien. Ein Gutachten hatte ergeben, dass die Grenzwerte im Fall von Schwefelwasserstoff um das zwölffache, bei Schwefelkohlenstoff (= Kohlenstoffdisulfid) um das 16-fa che überschritten wurden. Der 96 Meter hohe Schorn stein verfügte über eine maximal zulässige Schwefelkoh lenstoff-Emission von 16 Kilogramm pro Stunde, die er aktuell mit einer Menge von 345 Kilogramm (!) um das fast 22-fache überstieg. Hinzu kamen die hohe Abwasserbe lastung durch eine unzureichende Kläranlage und die Probleme mit der Deponierung anfallender Asche mit Glaubersalzen. Die durch den Betrieb eingeleiteten Maß nahmen hatten die hohen Schadstoffbelastungen nicht reduzieren können. Und diese betrafen Natur, Umwelt und Menschen gleichermaßen – gerade für die Beschäf tigten der Zellwolle wurden sie als »schwerwiegend« eingeschätzt, was sich auch zahlenmäßig anhand der Berufskrankheiten infolge des extremen Kontakts mit Schwefelkohlenstoff belegen ließ. Interne Informationen sprachen aus diesen Gründen schon damals, kurz vor dem 40-jährigen Jubiläum der DDR im Jahr 1989, von einer »langfristigen Stilllegung« des Werkes, die möglicher weise auf das Jahr 2000 terminiert war. Die Zellwolle war insofern kaum noch zu retten, was für jene, die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren würden, freilich zunächst einmal schwerer wog. Letztlich sollte es nicht bis zum Jahrtausendwechsel dauern, bis die Plauener wieder et was freier atmen und sich auch die Natur ein Stück weit erholen konnten. Nach einer Beratung zwischen den Fachabteilun gen der Stadt und des Bezirks war man 1987 zu dem Schluss gekommen, dass außerdem die Ablösung von Heizkraftwerken für die Verbesserung der Luftsituation im gesamten Bezirk wesentlich sei, was in Plauen nicht nur Betriebe wie die Zellwolle und den VEB Energiever sorgung betraf. Zur Reduzierung von Schwefeldioxid- Emissionen mittels Entstaubungstechnik waren die Heizwerke der Energieversorgung sowie der VEB Pla mag vorgesehen. Die Probleme erstreckten sich außer dem auf industrielle Abwässer, Altlasten und Schad stoffdeponien. Es fällt auf, dass diese Punkte als Ab sichten zu bezeichnen waren, deren Umsetzung in der Praxis noch keineswegs terminiert war. Vielmehr zeigte das Beispiel Zellwolle, wie viele Jahre sich eine Moder nisierung im Sinne des Umweltschutzes hinziehen konnte – um dann im Endeffekt zu scheitern. Dennoch fand die Arbeit der Umweltschützer längst ihre Resonanz. Ein Vortrag Webers im November 1988 zum damaligen politischen Reizthema Stadtökologie konnte trotz Widerstand stattfinden und sogar die »Freie Presse« berichtete und schrieb über die »ernste Situation des Artenrückgangs« und die engagierte Ar beit der Umweltschützer. Ein wichtiger Erfolg dieser Impulse war, dass das Thema auch auf die Agenda der Gruppen kam, die während oder infolge der »Friedlichen Revolution« aktiv wurden, wie etwa die »Gruppe der 20«.
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