Leseprobe

232 Plauen im Sozialismus Politik eine besondere Rolle zukam. Das Stadttheater als die erste nach Kriegsende wieder in Betrieb genom­ mene Kultureinrichtung galt nach wie vor als eines der wertvollsten Institute, »um im erzieherischen Sinn auf die Menschen einzuwirken«, zumal es mit Gastspielen in anderen vogtländischen Städten Strahlkraft über Plauen hinaus besaß. 1956 konnten bei 500 Veranstal­ tungen 256000 Besucher gezählt werden. Angesichts des Überhangs an klassischen Stücken musste man selbstkritisch feststellen, »daß das Gegenwartsschaf­ fen noch ungenügend vertreten ist«. Erfolge hatte man in dieser Hinsicht mit einem sowjetischen Lustspiel er­ zielen können. Überdies musste die Abteilung Kultur beim Rat der Stadt resümieren, dass es bis dato nicht gelungen war, an »die Schichten heranzukommen, die wir als Theater­ besucher in erster Linie wünschen«, womit vor allem Arbeiter und Bauern gemeint waren. Ohnehin war man in der Kulturarbeit von dem Wunsch beseelt, selbigen den Weg in die Welt der Kultur zu weisen, ohne jedoch die traditionelle und geneigte Klientel zu vernachlässi­ gen. Mitte der 50er-Jahre sollte – nach einer etwas ex­ perimentierfreudigen vorherigen Spielzeit – beim Pro­ gramm zum Beispiel wieder eine Art goldener Mittelweg gewählt werden, um das Stammpublikum nicht zu ver­ schrecken. Das Theater befand sich damit in der etwas widersprüchlichen Situation, dass eine Kultureinrich­ tung eigentlich »Kampfplatz« gegen »bürgerliche Ideo­ logie« sein sollte, faktisch aber nach wie vor in der Hauptsache bürgerliche Zielgruppen ansprach. Aus diesem Grund wurde beispielsweise versucht, den An­ teil an Arbeitern im Besucherrat sowie an Theateran­ rechten in den Betrieben zu erhöhen sowie Kontakte mit den Betrieben zu erhalten und durch Zusammen­ arbeit auszubauen, um neue Zielgruppen zu gewinnen. Diesen Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und künst­ lerischem beziehungsweise ideologischem Anspruch galt es, in den nächsten Jahrzehnten auszugleichen. Auch mehr Jugendliche sollten zum Gang ins Theater bewegt werden. 1975 kam es zur Gründung eines eige­ nen Theaterjugendklubs. Ein Ziel war – wie generell in der Kultur – die Förde­ rung von Volkskunst und Folklore; so gab es Laienen­ sembles wie das Arbeitertheater, Arbeitervarieté und Kabarettgruppen. Zusammen mit dem Rat der Stadt und den Betrieben kümmerte sich das für das volkskünst­ lerische Schaffen zuständige Stadtkabinett für Kultur­ arbeit um zahlreiche interessenspezifische Zirkel, Tanz­ kapellen, Chöre, Singeklubs, Kabaretts und weitere Gruppen, veranstaltete Konzerte und künstlerische Wettbewerbe. Gerade im Fall des Arbeitertheaters war die Idee aber offenbar größer als der Ertrag, so sorgten stetig sinkende Mitglieder- und Auftrittszahlen in den 60er-Jahren für Auflösungserscheinungen. Den »ideologischen Zustand« der Belegschaft schätzte man indes als unbefriedigend ein und führte das Beispiel des Ungarischen Volksaufstands an. Dass zahlreiche Künstler ihre Informationen über Westsender (insbesondere den von München ausgestrahlten »Radio Free Europe«) erhielten, war quasi ein offenes Geheim­ nis. So wurde moniert, dass die meisten über die Ent­ wicklung der Theaterszene in der Bundesrepublik viel besser Bescheid wüssten als über die jene in den so­ zialistischen Ländern. Durch verstärkte ideologische Einflussnahme in Zusammenarbeit mit Partei und Ge­ werkschaft sollte dieses »Übel« bekämpft werden. So­ mit beschränkte sich der »Kampf« gegen das »Bürger­ liche« vor allem in den 50er-Jahren ironischerweise nicht nur auf den Zuschauerraum und die Ränge – son­ dern betraf letztlich auch die eigene Belegschaft. Auch dieses Phänomen war gewissermaßen zeittypisch. Wie wohl in jedem Betrieb gab es hier regelmäßige Diskus­ sionen zu aktuellen politischen Themen, in denen der »Klassenstandpunkt« des Kollektivs abgefragt und ge­ stärkt werden sollte. Zum Jahresprogramm des Theaters gehörten – am Beispiel der 80er-Jahre – rund 15 bis 20 Inszenierungen im Bereich Schauspiel sowie Musiktheater, mitunter auch Uraufführungen wie 1983 die »Luther-Variatio­ nen« des Plauener Komponisten Hans-Wolfgang Sachse. Hinzu kamen rund 15 Sinfoniekonzerte, Sondervorstel­ lungen für die Volkssolidarität, Konzerte zusammen mit der Singakademie Plauen, dem Zentralen Pionier- und FDJ-Chor, betrieblichen Laientheatern wie dem des VEB Vowetex sowie Gastspiele internationaler Ensembles. Musikalische Höhepunkte waren die »Vogtländischen Musiktage« sowie »Robert-Schumann-Tage«. Mit durch­ schnittlich 320 Veranstaltungen – gemessen an den Jahren 1983 bis 1985 – konnten jährlich rund 125000 Besucher erreicht werden. Auch im Theater war das Programm am Zyklus der sozialistischen Jahrestage oder sonstiger staatlicher Leitlinien orientiert. Darüber hinaus scheute man sich nicht vor großen und neuen Herausforderungen. So führten die komplexen Auffüh­ rungen der Stücke »Peer Gynt« von Henrik Ibsen und »Rosenkavalier« von Richard Strauß das Ensemble im gleichen Jahr »bis an die Grenzen der Leistungsfähig­ keit«. Vor der »Friedlichen Revolution« sorgte das Stadttheater mit mutigen Inszenierungen unter Leitung des Intendanten Peter Radestock sowie dem wöchent­ lich stattfindenden progressiven Format »Theater bri­ sant« für Aufsehen. Musikschule »Clara Wieck« Die »Volksmusikschule« war erst 1953 gegründet wor­ den und unterhielt ursprünglich vier Außenstellen in Adorf, Bad Brambach, Oelsnitz und Reichenbach. 1959 wurden 770 Schüler von 22 Lehrern betreut, was nicht gerade für ein ausgewogenes Verhältnis spricht. Auch hier sollte der Schwerpunkt der Klientel im sozialisti­ schen Sinne verändert werden, die Maßgabe war, einen Anteil von mindestens 70 Prozent »Arbeiter- und Bau­ ernkinder« zu erreichen. Da Ende der 50er-Jahre noch kein eigenes Gebäude zur Verfügung stand, mussten als

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1