Leseprobe

235 »Alle machen mit!« zu prüfen waren. Was nicht (mehr) ins Weltbild passte, wurde von den Bibliothekaren aussortiert. Die Bibliothek für Kinder konnten selbige kostenlos benutzen und sie arbeitete auch in den Schulen sowie im Pionierhaus. Zudem wurden regelmäßig Veranstal­ tungen wie die »Woche des Buches«, im Bereich der Musikbibliothek, Kinderveranstaltungen sowie Autoren­ lesungen durchgeführt. Im Zuge der »Literaturpropa­ ganda« wurde etwa die für die DDR-Zeit typische Wand­ zeitungsarbeit Jahr für Jahr tausendfach unterstützt. Auch seitens der Bibliothek sollten vor allem Werktätige sowie junge und ältere Menschen angesprochen wer­ den, was mit Schulkooperationen beziehungsweise über die Volkssolidarität versucht wurde. 1972 gehörte schon über ein Drittel der Leserschaft zum Bereich Kinderbi­ bliothek, die im Jahr 162000 Entleihungen registrierte. Die Zahl der Nutzer stieg von etwas über 10000 (1958) auf 16000 im Jahr 1982 an. Auch die hauseigene Musik­ bibliothek war stark frequentiert. 1972 hatte sich in Plauen – im Verhältnis zur Einwohnerzahl – ein Viertel der Menschen als Leser in einer städtischen Bibliothek registriert. Dass es an neuen Ideen nicht mangelte, zeigt das Beispiel einer »Parktheaterbibliothek«, die 1979 zum Auftakt der Sommersaison im Parktheater ein­ gerichtet wurde und am Wochenende zur Buchausleihe im Grünen einlud. Vogtländisches Kreismuseum Das Kreismuseum machte Jahr für Jahr nicht nur mit sei­ nem wechselnden Ausstellungsangebot von sich reden. Neben der ständigen Ausstellung, die stets erweitert wurde – 1975 kamen drei Räume hinzu, unter anderem zur vogtländischen Baumwollweberei im 17. und 18. Jahr­ hundert – gab es regelmäßig wechselnde Sonderaus­ stellungen. Die Themen waren vielfältig und reichten in diesem Jahr von »Urgroßmutters Zeiten« über eine Aus­ stellung zum »Vogtländischen Bauern« im Rahmen des 450. Jahrestags des Bauernkriegs bis hin zu den The­ men Straßenbahn in Plauen und »Fotografie – ein Traum der Menschheit«. Die Besucherzahl schwankte zwi­ schen knapp 1 000 und über 4000. Publikumsmagnet war stets die jährliche Weihnachtsausstellung, die bei­ spielsweise 1973 nicht zuletzt dank der Verpflichtung eines Glasbläsers in nur einer Woche 11 500 Besucher anlocken konnte. Seit jeher ging die Museumsarbeit je­ doch weit über das Präsentieren von Ausstellungen hinaus. Gerade das Kreismuseum wusste sich – abge­ sehen von Forschungsarbeit und Aufgaben der Be­ standserhaltung – stets, mit Vorträgen, Führungen, Ver­ öffentlichungen wie der 1951 entstandenen eigenen Schriftenreihe, die sogenannten Museumshefte, sowie dem museumseigenen Jugendklub im Gespräch zu hal­ ten. Dass die Jugendarbeit ohnehin als Anliegen des Hauses von Erfolg gekrönt war, geht aus der Besucher­ statistik von 1977 hervor, die bei 32600 Besuchern im­ merhin zwei Drittel Jugendliche ausweist. Die Erziehung zum »sozialistischen Men- schen« – Blick auf das Bildungswesen Jede Familie hatte in der DDR Anspruch auf einen Krip­ pen- beziehungsweise Kindergartenplatz für jedes Kind. Während man Säuglinge bereits nach wenigen Wochen in eine staatliche Krippe geben konnte, begann der Kindergarten als schulvorbereitende Einrichtung im Alter von drei Jahren. Diese weitreichenden Betreu­ ungsangebote hingen auch damit zusammen, dass Frauen gerade in der frühen DDR-Zeit als Arbeitskräfte stark gefragt waren. Die dafür notwendige Infrastruktur musste erst aufgebaut werden. In den 50er-Jahren herrschten auch in Plauen noch häufig Überbelegung und Überlastung. So gab es 1953 im Kinderhort Eisena­ cher Straße eine Toilette und kein Bad für insgesamt 42 Kinder; nicht selten waren fünf Erzieherinnen für bis zu 80 Kinder zuständig und diese regelrecht »zusammen­ gepfercht«. Die Lage entspannte sich nach und nach: 1956 gab es in Plauen schon 16 Kindergärten mit 854 Plätzen. Dass es sich beim Personal um Fachkräfte handelte, spricht indes für den qualitativen Anspruch an die Ein­ richtungen. Schließlich hatten sie klare Erziehungsauf­ träge, um die Kinder auf den Schuleintritt vorzubereiten. Schon seit 1946 war mit dem »Gesetz zur Demokratisie­ rung der deutschen Schule« für alle Schüler die einheit­ Ein Abschiedsgruß der DDR: die 1989 eingeweihte Festhalle Das Thema »Kulturzentrum« zog sich in Plauen durch die 40 Jahre DDR. Waren die hochtrabenden Ideen der 50er-Jahre bald vom Realismus einge- holt worden, so drängte der Mangel an Veranstaltungsfläche weiterhin. Die alte Festhalle am Festplatz, ein einfacher Holzbau aus den 20er-Jahren, musste 1982 wegen Baufälligkeit schließen und wurde abgerissen. Wie sich der damalige Stadtrat für Kultur, Peter Seeburg, zurückerinnert, war dies »ein absoluter Tiefpunkt, denn nun hatten wir gar nichts mehr in der Stadt«. 2 Das stets vorgebrachte Argument, Plauen habe als größte Stadt im Grenzgebiet West mit vielgestaltiger Industrie kaum angemessene Möglich- keiten für gesellschaftliches Leben, verhallte. Wie es der Stadt an Räumen fehlte, so fehlte es dem maroden Staat an Mitteln. Damit gab man sich in der Spitzenstadt nicht zufrieden. Mit dem grünen Licht des Metallleichtbaukombinats (MLK) Plauen, das als großer Industrie- betrieb über gewisse eigene Ressourcen verfügen konnte, fasste man den Entschluss, den Bau selbst in die Hand zu nehmen. Der MLK projektierte und verwirklichte den Bau. Das Geld trieb der Rat der Stadt auf. Somit wurde die neue Festhalle ein veritabler Schwarzbau und die Verantwortli- chen betrachten sein Gelingen noch heute als ein kleines Wunder. Im Herbst 1989 war es soweit: Am Freitag, dem 29. September erfolgte die Ein- weihung. Im Rahmen der Festwoche zum 40. Jahrestag der DDR sollte das neue Kulturzentrum erstmals mit einem bunten Veranstaltungsprogramm aufwarten, die meisten Abende waren ausverkauft. Nicht jedoch der Fest- akt zum DDR-Geburtstag am 6. Oktober, der »unter sehr makabren Bedin- gungen« stattfand, wie sich Seeburg erinnert – annähernd die Hälfte der Plätze blieb leer: »Da hatten die Menschen schon keinen Sinn mehr dafür gehabt – nachvollziehbarerweise.«

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