Leseprobe
236 Plauen im Sozialismus liche achtjährige Grundschule eingeführt worden. Daran schloss sich entweder eine dreijährige Berufsausbil dung oder eine vierjährige, zum Abitur führende Ober schule an. Die Ausrichtung auf die Entwicklung einer »sozialistischen Persönlichkeit« spielte in diesen Le bens- und Erziehungsphasen eine wichtige Rolle. In be sonderer Weise galt das für die Schule. Wie bereits er wähnt, wurde ihre Ideologisierung nach Gründung der DDR stark forciert, nicht nur durch Gründung von Päd agogischen Räten als ideologische Kontrollorgane für Lehrer und Schüler. In den 50er-Jahren kamen von der Hochschule neue Lehrkräfte an die Schulen und traten an die Seite der »Neulehrer«, die seit 1945 den Großteil des Lehrkörpers ausgemacht hatten. Aus der Ernst- Thälmann-Schule hieß es 1955 von der Schulinspektion des Stadtbezirks Nord: »Einige Lehrkräfte scheuen sich, ihre Stellung nach außen zu bekennen. (Fahnen schmuck, Abzeichen tragen)« und legten »pazifistische Tendenzen« an den Tag, was durch Schulungen und »kämpferische Auseinandersetzungen« geändert wer den sollte. Mithin mussten zunächst die Lehrer sozialis tisch erzogen werden, um dann die Schüler zu erziehen. 1961 sollte man in Plauen pathetisch resümieren, es »rangen auch unsere Lehrer um den neuen Menschen«. Trotz – oder gerade wegen – der alltäglichen politi schen »Rotlichtbestrahlung« und Kontrolle wimmelt es in den Akten förmlich von Berichten über Verhaltensver stöße von Schülern. Sie reichen von wahlweise DDR- feindlichen oder BRD-freundlichen Äußerungen über das »Abhören« westlicher Sender, bei Schülern aufge fundene »Presley-Bilder« bis hin zu Republikfluchten – jedenfalls bis 1961. Auch nach dem Mauerbau dauerte die Propagandaschlacht an. So wurde 1966 beispiels weise moniert, dass man im Hort der Ernst-Thälmann- Schule zu wenig über die »Gefährlichkeit des westdeut schen Imperialismus« rede. Lobend hingegen erwähnte der Bericht, dass »die Erzieherinnen versuchen, das Gefühl des Hasses [!] gegen das unmenschliche System des Imperialismus bei den Kindern zu entwickeln.« 4 Ein bereits genannter Streitpunkt war die 1978 voll zogene Einführung des Wehrkundeunterrichtes an den Schulen. Trotz der unermüdlich wiederholten Vorgabe, »Ich freue mich immer ...«. Ein Bericht aus dem Kindergarten Neundorf (1960) »Die sozialistischen Erziehungs- und Bildungsziele im Kindergarten erfor- dern eine allseitige Bildung und Erziehung der Kinder. [...] Die Gründung der neuen LPG ›Goldene Ähre‹ wurde von den Kindern bewußt miterlebt. Der Mutti unseres Volkers überreichten wir als neue LPG-Bäuerin einen Blu- menstrauß. [...] Die Liebe und Achtung zu den werktätigen Menschen wurde durch diese Beobachtungen gefördert. [...] Die Kinder freuen sich an allem Neuen und Schönen und helfen mit, dieses zu erhalten und zu pfle- gen. [...] Auf den Spaziergängen in die nähere und weitere Umgebung wird die Liebe zur Heimat, zur Natur und zu den Tieren angebahnt und vertieft. [...] Ich freue mich immer, mit wieviel Interesse und mit welcher Aufge- schlossenheit die Kinder der jüngsten Gruppe ihre Umwelt betrachten. [...] Ob es die neuen Maschinen der LPG sind oder die Fahrzeuge unserer Volks- armee und der sowjetischen Truppen, alles wird mit Interesse verfolgt und nachgeahmt. [...] Die Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder steht im Vordergrund unserer Erziehungsarbeit. Im vergangenen Jahr war der Gesundheitszustand unserer Kinder gut. [...] Lebertran im Frühjahr und ausreichender Aufenthalt im Freien und auch ungestörter Mittagsschlaf stärkte die Widerstandskraft der Kinder. [...] Gemeinsam mit Schule und Gemeinde feierten wir den 10. Jahrestag unserer DDR. Der Frauentag wurde mit den Müttern unserer Kinder gefeiert, der Kin- dertag mit allen vorschulpflichtigen Kindern des Dorfes und dem Elternak- tiv. Am 8. Mai besuchten wir mit einigen Kindern unsere sowjetischen Freunde in der Kaserne und überreichten Blumen und erfreuten sie mit Liedern und Spielen.« 3 ④ Spiel und Spaß mit Sand- burgen und Dreirädern, hier vor der Kinder-Kombi- nation westlich der Bahn- hofstraße in Plauen, 1973 Stadtarchiv Plauen/ Johanna Falk
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