Leseprobe

237 »Alle machen mit!« ein Friedensstaat zu sein, schritt die Militarisierung der ganzen Gesellschaft in der DDR voran: Schon im Kinder­ garten wurde den Kleinsten das Soldatenleben etwa mit dem Bastelbogen »Wir spielen Soldat« schmackhaft ge­ macht. Seit 1978 beschäftigten sich nun Jungen und Mädchen ab der 9. Klasse mit der Waffentechnik der NVA und ihrer Bruderarmeen und besuchten Lehrgänge. Die vormilitärische Ausbildung als integraler Bestandteil schulischer Bildung setzte sich in Lehre und Studium fort. Für Plauener Schüler gab es mehrtägige Wehraus­ bildungslager, wo Jungen der POS, Erweiterten Ober­ schule (EOS) und Berufsschulen Schießabzeichen der GST erwerben konnten und an Komplexübungen teilnah­ men. Wer wollte, konnte sich hier gleich zur Aufnahme einer militärischen Laufbahn bereiterklären. Ein Großteil der Plauener Schulen hatte schwere Kriegsschäden davongetragen und die Folgen beschäf­ tigten Lehrer und Schüler häufig noch für viele Jahre. Bis 1952 herrschte in vielen Schulen Schichtunterricht. Die Herbartschule in der Südvorstadt musste ihre Räume bis 1950 als Ausweichkrankenhaus mit der Klinik teilen. Noch Mitte der 50er-Jahre waren mit der Rückert-, Herbart-, Dittes- und Ernst-Thälmann-Schule vier Ein­ richtungen für den Wiederaufbau vorgesehen und wei­ tere für einen Neubau. In den 50er-Jahren flossen über 1,5 Millionen Mark an Investitionen in die Schulen und Kindereinrichtungen Plauens. 1957 war die Herbart­ schule vollständig wieder aufgebaut. 1961 erhielt sie als erste im gesamten Bezirk und als eine der ersten in der Republik eine eigene Schul-Zahnstation. Derartige schulmedizinische Einrichtungen gab es bald auch an anderen Plauener Schulen. Anfangs gab es in Plauen noch zwölf Grund-, drei Mittel- und zwei Oberschulen. Das änderte sich 1959 im Rahmen der nunmehr gesetzlich verankerten tech­ nisch-naturwissenschaftlichen Grundausrichtung der Bildung in der DDR. 1959 wurde auch die Herbartschule zu einer zehnjährigen POS umgestaltet. Bereits 1957 hatte man in den Plauener Schulen mit dem Werkunter­ richt begonnen und den Unterricht stundenweise in die Betriebe verlagert. Um die Schüler auf ihre berufliche Tätigkeit vorzubereiten und qualifizierte Arbeitskräfte auszubilden, wurde die POS nun als Einheitsschule für alle obligatorisch. Mit dem Fach »Einführung in die so­ zialistische Produktion« (ESP) und »Unterrichtstagen in der Produktion« stellte man dabei frühzeitig den Schul­ terschluss mit den Betrieben her. Der Unterricht war sowohl theoretisch als auch praktisch aufgebaut. Der VEB Plamag, der seit Ende der 50er-Jahre polytechni­ schen Unterricht erteilte und über ein Polytechnisches Zentrum verfügte, bildete im November 1986 beispiels­ weise 543 Lehrlinge aus Schulen betriebsnah aus. Die Klassen der POS blieben in der Regel bis zur zehnten Jahrgangsstufe zusammen. Ein wohl ausge­ wählter Teil, der üblicherweise bei zehn Prozent lag, konnte in der 9. Klasse an die EOS wechseln, welche direkt zum Abitur führte: Ein Gymnasium in klassischer Form gab es in der DDR nicht. Bis 1963 wurden sechs Grundschulen zu POS und vier zehnklassige Mittelschu­ len zu Oberschulen ausgebaut. Das galt auch für die traditionsreiche, 1911 als Zweite Höhere Bürgerschule eröffnete Schule in der Diesterwegstraße – das heutige Diesterweg-Gymnasium. Die Schule wurde bis 1959 als Grundschule sowie Oberschule genutzt. 1960 erfolgte die Umgestaltung der Oberschule zur POS »Adolph Dies­ terweg«. Unter gleichem Namen firmierte seit 1960 die Erweiterte Oberschule in diesem Haus, die 1974 den politisch motivierten neuen Namen »Erich Weinert« an­ nahm. Jahr für Jahr legten hier zahlreiche Schüler ihr Abitur ab und nahmen dann ein Studium auf. 1978 bei­ spielsweise erhielten von 135 Absolventen 121 eine Zu­ lassung zum Studium, ein Viertel davon in einer techni­ schen Richtung an der Technischen Hochschule Karl- Marx-Stadt, weitere entschieden sich für ein pädagogi­ sches Fach und immerhin 13 zog es an eine Offiziers­ hochschule. Alternativ konnte man das Abitur im Rah­ men einer dreijährigen Berufsausbildung ablegen. Große Betriebe boten hierzu Spezialklassen an – in Plauen zum Beispiel der VEB Wema und die Deutsche Reichs­ bahn. 1986 konnte man in Plauen in 30 Klassen eine kombinierte Berufsausbildung mit Abitur absolvieren. Verliebt in Plauen. Erinnerungen an Lehrjahre im Internat (1969 bis 1972) Die beiden verband anfangs nicht viel, außer, dass sie ihre Lehre bei der Reichsbahn angefangen hatten: sie aus der Oberlausitz kommend, zum »Verkehrskaufmann«, er aus dem Oberen Vogtland, zum »Facharbeiter für Betriebs- und Verkehrsdienst«. Beiden ging es vor allem um die Möglich- keit, parallel auch das Abitur abzulegen: Für Menschen mit christlicher und pazifistischer Weltanschauung war dieses »Schlupfloch« eine der wenigen Möglichkeiten dazu. Die Berufsschule befand sich in Chrieschwitz, das Internat in der Hofer Straße – und ganz im Gegensatz zu dem »westlich« wohlklingenden Straßennamen erlebten sie die Einrichtung als »absolut sozialistisch«: Es wurde viel kontrolliert und vieles war verboten. Die Einführungsfeier fand im Plauener Theater statt, und da haben sie sich zum ersten Mal gesehen; er erinnert sich, dass sie ihm aufgefallen ist, sie erinnert sich, dass er Kaugummi gekaut hätte. Das Abenteuer, endlich von zu Hause weg zu sein, wurde bald zur Routine. Die Tage ähnelten sich wie auch die Verpflegung im Internat: Morgens gab es Graubrot mit »Mehrfruchtmarmelade« oder Sirup, dazu Malzkaffee; abends kaltes Abendbrot. Tagsüber war Schule, dann heimlaufen – acht Kilometer pro Tag –, nachmittags lernen, hinter dem Haus auf der Wiese liegen, Tischtennis spielen; ausgehen in die Stadt war die absolute Seltenheit. Außer, wenn Spit- zenfest war, »da war richtig was los in Plauen«. Man ging auch mal einkau- fen, »da war das Angebot schon schön«, verglichen mit den Heimatorten. Ein- mal hatte sie sich einen Rock geleistet, der war teurer als ihr ganzer Monats- lohn. So etwas vergisst man nicht. Was er nicht vergisst, ist, dass er sie immer wieder besuchte und sei es nur, um ihr beim Stricken zuzuschauen und sich mit ihr zu unterhalten. Und bald machte das zurückhaltende Mädel aus der Lausitz kleine Ausflüge mit ihm, und dann waren sie zusammen. Die Klassen-Abschlussfeier im »Treffer« war lustig und feuchtfröhlich. Das Abschiedsessen der beiden im »Central« hingegen hinterließ Wehmut. Damit war das Plauener Kapitel vorbei. Aber sie würden sich wiedersehen. Heute – 2021 – freuen sie sich bereits an vier Enkeln und kommen immer gern nach Plauen.

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