Leseprobe

238 Plauen im Sozialismus Bis in die 80er-Jahre kam es in Plauen zu neun Schul­ neubauten; den Anfang machte die Karl-Marx-Ober­ schule in der Bahnhofsvorstadt im Jahr 1962. Weitere sieben POS kamen in den folgenden Jahrzehnten hinzu, außerdem eine Sonderschule (Käthe-Kollwitz-Sonder­ schule in Reusa) sowie zehn Turnhallen, die meisten davon in den 60er-Jahren. Zwischen 1980 und 1982 konn­ ten im Neubaugebiet Plauen-Chrieschwitz drei neue Polytechnische Oberschulen geschaffen werden: Als neunte Neubauschule seit 1949 wurde 1982 die 18. Plaue­ ner POS im Chrieschwitzer Hang übergeben. 1959 gab es in Plauen außerdem drei kommunale und fünf Betriebsberufsschulen, die Fachschule für Pla­ nung und Statistik, technische Betriebsschulen in ver­ schiedenen Produktionsbetrieben sowie die Betriebs­ schule für staatlichen und genossenschaftlichen Han­ del. Hinzu kam die für die Erwachsenenbildung ausge­ richtete Volkshochschule, die seit 1949 über 3 500 Lehrgänge durchgeführt hatte. Das Netz an beruflichen Schulen wurde stetig ausgebaut. Zum Lehrjahresbeginn 1986 beispielsweise nahmen an den Berufsschulen in Plauen über 3000 Lehrlinge ihre Ausbildung auf – die meisten davon in den Betriebsberufsschulen. An acht Berufsschulen und 27 Ausbildungsstätten standen ins­ gesamt 87 Ausbildungsberufe zur Auswahl, mittlerweile auch im Bereich der Datenverarbeitung. Im Bereich des höheren Schulwesens bedeutete das Ende der renommierten Kunstschule, die – vollkom­ men zerstört – nur bis Anfang der 1950er-Jahre provi­ sorisch in der Heubnerstraße 1 weiterbetrieben wurde, einen großen Einschnitt. 1958 kehrte dort mit der nach Plauen verlegten Fachschule für Ökonomie neues Le­ ben ein. Jahr für Jahr studierten hier Hunderte ange­ hende Ökonomen; im Mai 1989 wurde die Einrichtung organisatorisch in die neue Technische Hochschule Zwickau integriert. Die Nähe zur »Staatsgrenze West« und das in Plauen stationierte 10. Grenzregiment führ­ ten 1963 zudem zur Gründung der Offiziershochschule »Rosa Luxemburg« für die Grenztruppen der NVA. Jungsein im Sozialismus – Facetten einer politischen Jugend Aus Sicht der SED gab es in der DDR keine unpolitische Jugend. Die Erziehung zum »neuen sozialistischen Men­ schen« war der jugendpolitischen Leitlinie sozusagen eingeimpft. Als Jugendlicher konnte man das natürlich bis zu einem gewissen Punkt anders sehen! Gleichwohl drangen Politik und Partei immer wieder in das Leben junger Menschen ein und verlangten ihren Tribut. Dabei veränderten sich die Erfahrungen und Lebenswelten der Jugendlichen freilich von Generation zu Generation. Besonders in den 50er-Jahren projizierte das Re­ gime große Erwartungen auf die Heranwachsenden. Das lag in der Natur der Sache: Den »großen Plan« vor Au­ gen, schien die junge Generation aus Sicht der SED noch form- und beeinflussbar zu sein – und offen für neue Ideen wie jene des Sozialismus. Gerade die Bildungs­ politik spielte in der DDR stets eine besondere Rolle. Diese Rechnung ging aber nur teilweise auf. Immerhin übten die oftmals utopischen Zukunftsversprechen, die etwa in Ferienlagern oder bei FDJ-Gruppenfahrten ven­ tiliert wurden, eine gewisse Anziehungskraft aus. Mit großer Anstrengung wurde die Etablierung der einzig zugelassenen Jugendorganisation – der Freien Deut­ schen Jugend (FDJ) nebst Pionieren – vorangetrieben. Obwohl sich gerade anfangs noch viele Schüler unter den Flügeln der evangelischen Kirche scharten und lie­ ber zur Jungen Gemeinde gingen, wuchs der Organisa­ tionsgrad stetig: 1981/82 lag er DDR-weit bei 86,6 Pro­ zent (Pioniere) beziehungsweise 77,7 Prozent (FDJ). Wenngleich der Eintritt offiziell freiwillig war, konnte eine Nichtmitgliedschaft Nachteile mit sich bringen. Auch die bunte Palette an durchaus attraktiven Ange­ boten sorgte dafür, dass sich die meisten Kinder und Jugendlichen in die Massenorganisationen einfügten und an den Arbeitsgemeinschaften, Jugendnachmitta­ gen und Ferienaktionen teilnahmen, deren Inhalt zwi­ schen attraktiven Freizeitangeboten und politischer Agitation schwankte. Außerdem fuhren Plauener Schü­ ler regelmäßig zu den ab 1950 stattfindenden »Deutsch­ landtreffen« der FDJ in Berlin. Im Januar 1961 veranstal­ tete die FDJ sogar ein »Internationales Jugendtreffen« mit Teilnehmern aus der DDR, Tschechoslowakei (ČSSR) und aus Polen in Plauen. Selbst Jugendliche aus der Bundesrepublik waren als »Gäste« zugegen und hörten für sie wohl seltsam anmutende Reden über den »Kampf gegen den westdeutschen Militarismus und Revanchis­ mus«. Keine acht Monate später, nach dem Bau der Mauer, waren solche Events unmöglich geworden. Im »real existierenden Sozialismus« war der Weg vorgegeben und die Jugendlichen mussten sich früher oder später arrangieren. Spätestens mit dem Eintritt in Schule und Massenorganisationen hielt die Politik auch Einzug in den Alltag und der Anpassungsdruck war hoch. Ein in den 50er- und 60er-Jahren Aufgewachsener erinnert sich: »Wenn du zum Beispiel nicht in die FDJ gegangen bist und nicht Jugendweihe gemacht hast, ⑤ Kleine Wunder, große Momente: Regenbogen über Plauen, um 1960 Hans Herold

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