Leseprobe
239 »Alle machen mit!« dann warst du ja Außenseiter. Das waren nur ein, zwei Leute in der Klasse, die das auf die Art und Weise ge zeigt haben.« 5 Die Tatsache, dass er sich gegen die Jugendweihe entschied, trug dann dazu bei, dass er später trotz guter Leistungen nicht für die EOS empfoh len wurde und somit auf dem regulären Weg kein Abitur erwerben konnte. Nachdem er dieses auf Umwegen nachgeholt hatte, wurde ihm der Zugang zum Hoch schulstudium trotzdem verwehrt, weil er inzwischen seine christliche Weltanschauung ausgeprägt hatte. Hinzu kam, dass er zwar an der »vormilitärischen Aus bildung« teilgenommen, hier allerdings das Schießen verweigert und somit eine pazifistische Haltung an den Tag gelegt hatte. Natürlich konnten solche Wege auch anders verlaufen, doch wurden diese vermeintlich klei nen Dinge berücksichtigt, wenn es darum ging, welcher (berufliche) Weg eingeschlagen werden konnte – und welcher nicht. Nicht »mitzuschwimmen« hatte also durchaus kon krete Konsequenzen. Obwohl die Weltanschauung frei lich völlig unerheblich war für die Frage, ob man ein guter Mathematiker oder Ingenieur sein würde, band der »allmächtige« Staat seine Zustimmung für eine Karriere an ein klares – zumindest vorgetragenes – Bekenntnis zu ihm. Roland Jahn bezeichnete in seinem Buch »Wir Angepassten« das Leben in der DDR als »ein Leben zwi schen Anpassung und Widerspruch.« 6 Aus eigener Er innerung nannte er es »ein vielschichtiges Verhalten, stetig gefangen in einer Dynamik zwischen der Abwä gung der Kosten oder dem Nutzen des Anpassens und der Kosten oder dem Nutzen des Widersprechens«. Gerade die Wahl zwischen Konfirmation und Jugend weihe war für viele eine Art Wegscheide – mithin der erste auszutragende Konflikt um die eigene Loyalität zum Staat. »Es hatte sich dann zugespitzt, und es musste eine Entscheidung her, ob ich Jugendweihe ma che oder nicht, und das hat mir mein Vater dann schrift lich mitgegeben für die Schule. Und damit war ich quasi raus, aber es hat mich natürlich betroffen« – erinnert sich ein Zeitzeuge, der sich zwar aus eigener Überzeu gung gegen die Jugendweihe entschied, dem diese Ent scheidung aber alles andere als leichtfiel. 7 In diesem Punkt konnte sich der Staat gegen die oft streitbar auf tretenden Kirchen durchsetzen: Während im ersten Jahr (1955) in Plauen 240 Jugendliche an der Jugendweihe teilnahmen, besuchten 1981 bereits 1 119 regelmäßig die Jugendstunden. Mancher entkam dem Konflikt durch die Hintertür und besuchte sowohl Jugendweihe als auch das christliche Pendant, was die Kirche ab etwa 1959 tolerierte. Trotzdem lebten Kirche und Staat bis zum Ende der DDR in einer sonderbaren, nicht selten ange spannten Koexistenz. Obwohl der staatliche Feldzug zu seinen Gunsten verlief und sich der Anteil an evangeli schen Christen von anfangs 80 Prozent (1950) auf we niger als ein Drittel verringerte, blieben die Kirchen ein Rückzugsort für Andersdenkende und wurden damit letztlich zum Vorzimmer der 1989 auf die Straße getra genen »Friedlichen Revolution«. ⑥ Rituale des Alltags: Schulappell an der Friedensschule, 1983 Stadtarchiv Plauen/ Rudolf Fröhlich
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