Leseprobe

62 Das »lange 19. Jahrhundert« – Auftakt zur neuzeitlichen Stadtentwicklung, Industriealisierung, Großstadtbildung Die frühzeitige Bebauungsplanung der Bahnhofsvorstadt als Standortvorteil Auf der Grundlage des Vorschlags wurde bereits 1837 von erwerbslosen Webern die Neue Straße zu dem vor­ gesehenen Standort des Bahnhofs fertiggestellt. Mit der auf Brandschutt angelegten Klosterstraße und der 1845/46 erbauten Überbrückung des Syrataleinschnitts ergab sich der bedeutendste städtebauliche Richtungs­ einfluss des 19. Jahrhunderts in Plauen mit der Ent­ stehung der Bahnhofsvorstadt, der bisherigen Syrauer Vorstadt. Diese war bislang von der steilen Äußeren Syrauer Straße, der späteren Reichsstraße, durchquert worden, während die neue Verbindungsstraße zu dem zu erbauenden Bahnhof einen sanfteren Anstieg auf­ wies. Obwohl schon bald mehrere Gebäude an der unte­ ren Bahnhofstraße entstanden, darunter 1852 das Post­ amt und »Deils Hotel«, bot erst der 1865 von den Stadt­ verordneten genehmigte Neubauplan des Terrainspeku­ lanten, Bauunternehmers, Ziegeleibesitzers und Kauf­ manns Johannes Groh die notwendige Voraussetzung zur großflächig ausgerichteten Bebauung dieser Vor­ stadt. Der grafisch eigenwillige Neubauplan mit seiner alleeartigen Umrahmung durch drei Ringstraßen und durch die parkähnlich angedachte Grünfläche (Groh’­ scher Platz), die am 11. März 1873 den Namen Albert­ platz erhielt, fand großen Anklang, obwohl die Bauge­ vierte eine rastermäßige Gestaltungsstruktur vorgaben und damit die Straßenführungen teilweise keine Beach­ tung der unvorteilhaften Steigungsverhältnisse fanden. Der Neubauplan kam aber den Landbesitzern, Boden­ spekulanten und Bauunternehmern besonders entge­ gen, weil die Zahl der Baugesuche immer mehr zunahm und die sich nunmehr günstiger anbietende Zergliede­ rung landwirtschaftlicher Grundstücke in bebauungs­ seitig nutzbare Areale zu einem herausragenden Vor­ sprung der Bahnhofsvorstadt im weiteren Verstädte­ rungsprozess führte. Dabei hatten über einen längeren Zeitraum die Bau­ unternehmer sowohl bei der ergänzenden Erstellung von Neubauplänen für ausgewiesene Bebauungsareale als auch bei der Anfertigung von Teilbebauungsplänen für Stadtgebiete die Hauptausarbeitungen ohne Neu­ baupläne zu leisten, da diese noch nicht fertiggestellt waren. Eine spürbare Mitwirkung der Stadtverwaltung an der Bebauungsplanung ergab sich erst, als die neu­ zeitliche technische Infrastruktur als Planungsaufgabe an Bedeutung gewann, mit der erforderlichen Einbezie­ hung weiterer Vorstädte, bebaubarer Teilgebiete und neuer Straßenzüge eine erhebliche Beplanungsauswei­ tung notwendig wurde sowie durch laufende Bauanpas­ sungen zahlreiche Planabänderungen, Ergänzungen und Neufassungen vorgenommen werden mussten. Außerdem oblag es der Stadtverwaltung aus baulich- räumlichen Abstimmungsgründen für angrenzende Ortslagen, an der Aufstellung von Bebauungsplänen mitzuwirken. Die städtebaulichen Folgen der »Straßen­ bau-Ordnungen« von 1871 und 1896 Neben der »Localbau-Ordnung« vom 1. November 1844 hatten auf die Feststellung von Bebauungsplänen be­ sonderen Einfluss die »Straßenbau-Ordnungen« für die Stadt Plauen vom 19. Juli 1871 und vom 14. April 1896, die zwar eingangs die allgemeinen Anforderungen an die ② Der Ausschnitt vom Stadt- plan 1854 zeigt auf, dass damals die Bahnhofsvor- stadt noch weitgehend unbebaut gewesen war. Stadtarchiv Plauen

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