Leseprobe
29 Diese in Bezug auf Why I Am Not a Painter beschriebene Überkreuzung strukturiert auch viele der anderen Beziehungsgeflechte, welche die Lyrik O’Haras und weiterer New York School Poets prägen. Das Verb „go“ als Schnittstelle beziehungs- weise verbindender Überkreuzungspunkt drückt dabei stets eine eher bewegliche Intensität als einen fixen Punkt aus. Aus diesem Grund wurden einzelne Gedichte der New York School Poets auch des Öfteren mit der Praktik des Action-Painting des Abstrakten Expressionismus verglichen. Viele von O’Haras Gedichten wurden zudem als „I do this, I do that“-(„Ich tue dies, ich tue das“)-Gedichte 8 charakterisiert, also als Gedichte, die einzelne, all- tägliche Aktivitäten syntaktisch aneinanderreihen, ohne auf einen Kulminationspunkt hinzuarbeiten. Im Zentrum stehen auch hier wieder die Prozesshaftigkeit und die Immanenz einzelner Momenteindrücke ohne übergeordnetes Ziel. Passenderweise trägt O’Haras berühmtester Gedichtband den Titel Lunch Poems (1964) , da er die darin enthaltenen Gedichte, so will es die Überlieferung, während seiner Mittagspausen im Museum of Modern Art schrieb, während einer transitorischen Zeit also, einer Zeit der Übergänge. Genau diese Übergangshaftigkeit eines jeden Moments schwingt in den besagten Gedichten mit, wenn beispielsweise einzelne Eindrücke des Fußwegs von seinem Arbeitsplatz zu einem Meeting oder Restaurant eingefangen oder genaue Uhrzeit- oder Ortsangaben eingestreut werden, welche die konkreten Mittagspausen momente zeitlich und räumlich verankern. Zeichenhaft abstrahiert Die Beziehungen zwischen den Künstlerinnen und Künstlern, die dem Abstrakten Expressionismus zugeordnet werden, und den Lyrikerinnen und Lyrikern der New York School waren, wie erwähnt, recht eng ∕Abb. 17, 18 . John Ashbery vermerkte dazu Folgendes: „Ich versuche, Worte abstrakt zu benutzen, so wie ein abs- trakter Maler Farbe benutzen würde. (Vielleicht haben mich moderne Malerei und Musik mehr inspiriert als Dichtung. ) … Wie bei abstrakten Malern ist meine Malerei ein Versuch, eine größere, umfassendere Art von Realismus hervorzubringen“. 9 Wenn sich die Koppelung von Abstraktion und Expressionismus in der Malerei unter anderem durch eine Tendenz zur Ungegenständlichkeit bei gleichzeitiger gestisch- verkörperlichter Prozesshaftigkeit wie beim Action-Painting ausdrückt, was wären dann entsprechende Abstraktionsstrategien in der Lyrik? Abb. 18 Patsy Southgate, Bill Berkson, John Ashbery, Frank O’Hara und Kenneth Koch, 1964 Foto: Mario Schifano
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