Leseprobe

12 Das zweite Gedicht stammt aus dem »Liber unus Miscellaneorum« von 1632. Autor ist der Arzt, Poet und Theologe Johannes Narsius (1580–1637). Es preist die Hanauer Regenten und feiert die Neustadt mit der Wallonisch-Niederländischen Doppelkirche. Hier ein Auszug: »(Es ist) eine mit breiten und geraden Straßen und mit Häusern prunkende Stadt, in der die Gesetze und die religiösen Gebräuche der Christen blühen, wo die Frömmigkeit zwei heilige Gebäude gründete, welche (nur) eine einzige Wand trennt, (ein Werk) von ganz neuer Bauart. Wie die Bewohner sich nicht in der Religion, sondern nur in der Sprache unterscheiden, weil ein Teil eben Französisch, der andere Holländisch spricht, so steht ein einziges Gebäude unter einem einzigen Dach; darinnen aber kann man zwei getrennte Tempel sehen.«3 »Ihr, meine Brüder, richtet eure Blicke hierhin und betrachtet genau den Glanz des neuen Hanau! Glaubt mir: hier, wo ihr schon die aus so mächtigen Mauern errichteten prächtigen Gebäude sehen könntet, waren kürzlich noch Felder und Wiesen. Welche (andere) große Stadt fordert (Hanau) jetzt nicht heraus Durch die Schönheit seiner hervorragenden Lage und durch die Pracht seiner Häuser?«2 man die Treppe hinaufkam ging es links neben der Bodentreppe vorbei in die Wohnstube, wo die Mutter war. […] In der Wohnstube war glaub ich eine grünliche Tapete, einen Tisch mit schwarzem rothfleckigem Wachstuch besinne ich mir genau, woran gegeßen und des Abends geseßen wurde. Der Ofen war von der Stubenthüre (vornen) links in der Ecke. Am Ofen wurde ich angezogen von der Mutter und gewaschen, oft mit warmem Waßer und Wein, welches süßlich roch, das ärgerlichste war, wenn es an die Ohren kam, weil es immer weh that. […] Bei dem Nägelbeschneiden hatte ich immer eine Art Grauen, und litt es nicht gern. Das Kämmen und Lausen litt ich schon lieber, ich legte mich mit dem Gesicht an den Leib der Mutter und es that immer wohl, wenn eine Laus knickte, der Langenweile wegen sagte die Mutter, das wäre eine gemeine, nun müßte auch der Fähnrich gesucht werden, worauf man geduldig wurde, auch wurden die jedesmal Getödteten gezählt, um zu wißen, ob man sich beßere oder schlimmere.«1 FRÜHE LOBGEDICHTE AUF DIE NEUSTADT Jacob Grimm schilderte eine Idylle mit Kopfläusen. Wie in seinem Elternhaus dürfte es zu seiner Zeit in vielen Wohnungen der Hanauer Neustadt ausgesehen haben. Die 1597 gegründete Neustadt hatte schon früh Bewunderer angezogen, die ihre Begeisterung auch lyrisch ausdrückten. Eckhard Meise hat 1990 im »Neuen Magazin für Hanauische Geschichte« »Zwei lateinische Gedichte zum Preis Neuhanaus aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts« wieder abgedruckt und übersetzt. Das erste stammt von dem 1560 in Kitzingen geborenen Theologen Salomon Codomann († 1637) oder Codomannus. Es erschien 1616 in dem in Gießen gedruckten Werk »Iter Giessenum« (Reise nach Gießen).

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