Leseprobe

29 tagsquellen außerhalb der Rechts- und Verwaltungsdokumente der Exulantengemeinden und der Gastgesellschaft. Der Schwerpunkt der Ausführungen liegt auf vergleichendem Material von Migrantengemeinden in den englischen Exulantenstädten Norwich und Sandwich, die in dieser Hinsicht besser erforscht sind.11 Beispiele weiblicher Präsenz und deren Einfluss in der Hanauer Fremdengemeinde ergänzen diese Studien. Hier wären vertiefende Untersuchungen wünschenswert. Zwei Statistiken zu Frauen als Haushaltsvorständen in niederländischen und wallonischen Exulantengemeinden in Norwich und Sandwich können einen ersten Einblick in den Anteil der Frauen in den Immigrantengemeinden bieten. Die Angaben geben allerdings nur einen zeitlichen Schnappschuss wieder. Für Norwich ist das Erhebungsjahr 1568 (drei Jahre nach der Ausstellung des Ansiedlungspatentes für die Stadt), für Sandwich 1574 (13 Jahre nach der ersten Einwanderung von niederländischen Exulanten). In beiden Jahren fragte die städtische Obrigkeit nach der Anzahl der Haushalte und deren Haushaltsvorständen. Von den 339 in der wallonischen Gemeinde in Norwich registrierten Personen waren 89 Frauen und 90 Männer. Der Rest waren Kinder unter 16 Jahren. Von den 1.132 Personen in der niederländischen Gemeinde der Stadt waren 399 Frauen. Fast ein Drittel von ihnen, 98, waren Witwen oder alleinstehende Frauen. In Sandwich waren im Erhebungsjahr unter den Wallonen 99 männliche und 16 weibliche Haushaltsvorstände verzeichnet. Von den 195 niederländischen Haushalten wurden 56 von Frauen geleitet. Um die Zahlen in Relation zu setzen, kann man vergleichende Untersuchungen zu alleinstehenden Frauen und Witwen in England heranziehen. Hierbei zeigt sich, dass es im untersuchten Zeitraum etwas weniger Witwen in den Exulantenfamilien gab als im nationalen Durchschnitt, dafür aber deutlich mehr alleinstehende Frauen (was vermutlich auch damit zu tun hat, dass diese Frauen eben doch nicht auf bestehende Familiennetzwerke zurückgreifen konnten, die sie in der alten Heimat zurückgelassen hatten). Hier sei allerdings vermerkt, dass die englischen Statistiken landesweit kollationiert wurden und dass die Zahlen für alleinstehende Frauen und Witwen in Städten höher lag als auf dem Land.12 Dennoch bietet sich ein relativ aussagekräftiges Bild, das die Annahme der Konfessionsmigration als eine Familienangelegenheit deutlich infrage stellt. Es bleibt zu fragen, ob die hier solchermaßen Aufgeführten bereits als Witwen ins Land kamen oder ob sie im Laufe ihres Aufenthalts ihre Ehemänner verloren. Für die alleinstehenden Frauen, die oft mit anderen Frauen, etwa ihren Schwestern, einen Haushalt bildeten, gilt das jedenfalls nicht. Es ist hier nicht der Raum für weitere demographische Analysen, die diese Momentaufnahmen komplementieren, aber dennoch kann diese Beobachtung als Anstoß für ein Überdenken traditioneller Migrationsvorstellungen dienen. Ein Blick in die Hanauer Quellen unterstützt das Bild eines relativ hohen Frauenanteils. Auch hier kann ein demographischer Schnappschuss aus dem kirchlichen Milieu erste Aufschlüsse geben: So nahmen an der Abendmahlfeier in der wallonischen Kirche am 5. Februar 1609 257 Männer und 319 Frauen teil. Bei der zweiten Abendmahlfeier, die am 12. Februar 1609 nach der ersten Predigt des aus Frankfurt nach Hanau gezogenen Predigers Clément Dubois († 1640) stattfand, nahmen 210 Männer und 250 Frauen teil.13 Es ist von Migrationshistorikern darauf hingewiesen worden, dass die kirchlichen Netzwerke für Migrantinnen wichtiger waren als für männliche Migranten.14 Nicht zuletzt hing ihr guter Ruf und ihre Reputation von dem tadellosen Verhalten ab, das ihnen durch die Zulassung zum Abendmahl gleichsam bescheinigt wurde. Dennoch sind die Zahlen meines Erachtens aussagekräftig für die deutliche Präsenz, vielleicht sogar Überzahl von Frauen innerhalb der Gemeinde. Witwen spielten ABB.2 Unbekannte Bürgerin der Neustadt Hanau, unbekannt, Öl auf Leinwand, 1635, Eigentum der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde – selbstständige ev.-­ reformierte Kirche zu Hanau/© Norbert Miguletz, ohne Inv.-Nr.

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