Leseprobe

73 Das Aussehen städtischer Anlagen mit mehr oder weniger geometrischen Grundrissen entsprang aber nicht nur ästhetischen, sondern vorwiegend auch fortifikatorischen Bedürfnissen. Gerade sie sollten das Aussehen entscheidend prägen und auch dazu führen, dass selbst »gewachsene« Städte von außen einen geregelten Eindruck vermittelten – auch wenn in der Stadt der Straßenverlauf keineswegs geometrischen Vorgaben folgte. Mit Türmen und Toren versehene Stadtmauern waren bereits imMittelalter sozusagen ein notwendiges Übel und dienten der Sicherheit und dem Schutz der Bevölkerung. Doch mit der Einführung der Feuerwaffen traten grundlegende Veränderungen ein: Die Türme mussten vergrößert werden, um Geschütze aufzunehmen und tragen zu können. Sie wurden zu massiven Rondellen und Basteien ausgebaut und ragten damit weiter vor die Linie der Mauern als die ursprünglichen Türme, was zum typischen polygonalen Grundriss führte.14 Diese Neuerungen wurden in der Folgezeit zum Bastionärsystem weiterentwickelt, zu dessen wichtigsten Teilen neben Mauern und Türmen die Gräben und Kasematten sowie Raveline zur Verteidigung der Stadttore gehörten.15 Innerhalb der Stadtmauern mussten nun nicht nur zunehmend Soldaten, sondern auch fortifikatorische Infrastruktur wie Geschütze, Zeughäuser und Magazine untergebracht werden. Zwar sollte diese Entwicklung erst im Barock ihren Höhepunkt erreichen, doch waren schon im 16. Jahrhundert zunehmend weniger Zivilarchitekten als vielmehr Militärbaumeister in die Stadtplanung eingebunden oder traten als Planer und Ausführende auf.16 Einer der ältesten Traktate zur Bastionierung von Giovanni Baptista della Valle († ca. 1550) von 1524 stammt wiederum aus Italien, während sich nördlich der Alpen Daniel Specklin (1536–1589) 1589 mit seiner »Architectura von Vestungen« und in seiner Folge Joseph Furttenbach (1591–1667) mit seiner »Architectura martialis« von 1630 einen Namen machten. Er wie auch Francesco de Marchi (1504– ABB.3 Stadtplan von Palmanova, Frans Hogenberg, Radierung, 1598, Rijksmuseum Amsterdam, Inv.-Nr.: RP-P-OB-44.174.

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