Leseprobe

10 Erste Kircheninterieurs in München Ab 1870 studierte Kuehl fünf Jahre bei Wilhelm von Diez an der Münchner Akademie. Von Diez brachte seinen Schülern, zu denen in jener Zeit auchWilhelmTrübner undMax Slevogt zählten, (zeitgenössische) niederländischeMalerei näher. Hinzu kam eine generelle Begeisterung für niederländische Kunst, die sich gerade in München mit der I. Internationalen Kunstausstellung im Jahr 1869 Bahn gebrochen hatte. Dort waren zahlreiche Werke von heute herausragenden niederländischen Alten Meistern ausgestellt, die von jungen, aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern entdeckt und rezipiert wurden.7 Mit den Gemälden Das Innere der Asamkirche in München 8 und Das Innere der Damenstiftskirche in München (siehe Kat.-Nr. 5, S. 23) entstanden in den 1880er und 1890er Jahren Kuehls erste kapitale Kircheninterieurs und mit Inneres der Münchner Damenstiftskirche (Abb. 1) zugleich eines der bekanntesten seines Œuvres. Das Werk zeigt eine junge Frau, die sich zum Gebet auf die Knie niedergelassen hat, sowie fünf in weiß gekleidete Mädchen, die auf ihremWeg in Richtung des Hauptaltars den Seitenaltar passieren. Dessen Bildwerk, zwei rot-weiß marmorierte Säulen zu beiden Seiten, Giebel und Gebälkstücke imAuszug sowie eine vergoldete barocke Kanzel sind präsent und detailgetreu dargestellt. Dass Kuehl die Wiedergabe der charakteristischen Architektonik der Damenstiftskirche reizte und damit also ein konkreter örtlicher Eindruck, zeigt auch der gewählte Bildausschnitt und die sich daraus ergebende Wahl des Hochformats: Dieses bringt gleichermaßen den imposanten, hohen Kirchenraum zur Geltung und zeigt den Altar sowie die Fenster und Fensterbögen in seiner vollen Größe. Dennoch interessierte sich Kuehl, Sohn eines evangelischen Küsters, allerhöchstens nebensächlich für die sakrale Komponente der römisch-katholischen Kirche. Stattdessen ging es ihm um die malerisch-farblichen Reize, die er erstmalig in einem Kircheninterieur zum wesentlichen Moment eines seinerWerke erkor. Gleichwohl behielt Kuehl mit den jungen Frauen – bei denen es sich um Stiftsdamen handelt, die soeben ins Damenstift aufgenommen wurden 9 – Figuren bei, die wesentlich für die intendierte freudig-fromme Stimmung sind. Beispielhaft zeigt sich in Inneres der Münchner Damenstiftskirche Kuehls in den 1880er Jahren vollzogener künstlerischer Wandel – hin zu einem Maler, der sukzessive auf erzählerische Inhalte verzichtete und sich für die Darstellung von (Licht-)Eindrücken interessierte. Dabei erzeugt das Zusammenspiel aus harmonisch-feierlichen Figuren und dem funkelnden Altar die ausdrucksstarke Wirkung. Die Schleier, die in ihrer Transparenz Kuehls malerisches Können aufzeigen, korrelieren mit dem aufragenden Kirchenraum und ergänzen sich mit den malerisch-reizvollen Effekten im Altar. Verantwortlich für die lichtfreudige Atmosphäre ist Kuehls Lichtregie, die den erzählerisch-deskriptiven Vordergrund in eine malerisch wirkungsstarke Harmonie mit Bildmittel- und -hintergrund setzt. Das von links hinten einfallende Licht erfasst nämlich nicht nur die Mädchen und erleuchtet sie von hinten, sondern sorgt dafür, dass die inWirklichkeit weißen Säulen undWände der Kirche in einem kräftigen Goldton erstrahlen. Den Lichteinfall verdeutlicht Kuehl schließlichmit hellblauen Lichtstrahlen, die vom linken Bildrand schräg abfallend in Richtung des rechten Bildrands auftreten. Im Vergleich dazu ist das Gemälde Das Innere der Damenstiftskirche in München aus der zweiten Hälfte der 1880er Jahre noch wesentlich erzählerischer. Blickmittelpunkt ist nun der große und reich ausgestattete Hauptaltar. Vor diesem kniet eine schwarz gekleidete Frau, hinter der weitere Kirchenbesucherinnen und Kirchenbesucher, ebenfalls in schwarzen Kleidern, zu erkennen sind. Anders als in Inneres der Münchner Damenstiftskirche interessierte sich Kuehl hier mehr für eine möglichst naturgetreue Wiedergabe. Der Altar, dessen Altarbild von zwei gewundenen, rot-weiß marmorierten Säulen gerahmt wird, sowie eine rechts stehendeMarmorskulptur und dieMensamit vergoldeten Tabernakel sind abermals

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