Leseprobe

11 detailliert ausgearbeitet. Vorstellbar ist dennoch, dass farbliche Reize Kuehls Interesse für dieses Motiv geweckt haben: Die Damenstiftskirche ist – ähnlich wie die Münchner Asamkirche – durch ihre üppige Ausschmückung im Stil des Spätbarocks in Kombination mit einstrahlendem Licht grundsätzlich prädestiniert für einemalerische Szene. Während Inneres der Münchner Damenstiftskirche eindeutig von diesem Interesse zeugt, deutet sich dieser Weg mit dem farblichen Kontrast zwischen den schwarzen Kleidern der Figuren und den weißenWänden imSpiel mit den goldenenVerzierungen der Architektur im früher entstandenen Gemälde Das Innere der Damenstiftskirche in München bereits an. Der für sein Œuvre exemplarische Vergleich dieser beiden Gemälde zeigt Kuehls künstlerische Entwicklung innerhalb der 1880er Jahre. Durchmaßgebliche Impulse aus seinem zehnjährigen Paris-Aufenthalt und zahlreiche Reisen in die Niederlande veränderte sich sein künstlerischer Ausdruck und dieWiedergabe des spezifischen Lichteindrucks wurde immer wichtiger. Seine Farbpalette hellte sich zunehmend auf, der Farbauftrag wurde pastoser, sein Duktus schneller und sichtbarer und der Ausschnitt seiner Werke fragmentarischer. Kircheninterieurs – ein fortwährender Reiz In den 1890er Jahren entstanden weitere Kircheninterieurs vor allem durch einen Auftrag von Alfred Lichtwark, dem ersten und langjährigen Direktor der Hamburger Kunsthalle. Neben anderen Künstlern hatte dieser auch Kuehl damit beauftragt, Werke zu der von Lichtwark initiierten »Sammlung von Bildern aus Hamburg« beizutragen.10 Abseits dessen – und abgesehen von Inneres der Münchner Damenstiftskirche – entstanden andere, heute unbekannte Innenansichten von Kirchen abermals in München.11 Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts beschäftigte sich Kuehl dann wieder ausgiebiger mit diesemMotiv. Seit 1895 lehrte Kuehl als Professor und Leiter des neugegründeten Ateliers für Genremalerei und Lehrer der Oberklasse an der Dresdner Akademie – was im Rückblick seine arrivierte Stellung als einer der führenden deutschen Maler zeigt. Ab dem Jahr 1903 verbrachte Kuehl mit seiner Familie die Sommermonate regelmäßig am Bodensee, vor allem in Überlingen.12 Diese Aufenthalte gelten besonders für seine späten Werke als maßgeblich.13 Zudemwandte er sichwieder verstärkt Kircheninterieurs zu. Immer wieder wurden die Kirchen in Überlingen und Birnau 14 – sowie außerdem in Österreich – zu gern gewählten Motiven. Ein Grund mag darin gelegen haben, dass gerade die üppig ausgestatteten römisch-katholischen Kirchen in Süddeutschland bei starkem (Sommer-)Licht eine stimmungsvolle Atmosphäre boten. Eines der ersten in Überlingen entstandenen Werke ist das Gemälde Kommunikanten im Dom zu Überlingen,15 das über eine bemerkenswerte Komposition verfügt. Der Sockel eines mächtigen Pfeilers sowie eine Kirchenbank rahmen den Blick in das Langhaus des Überlinger Doms. Im Hintergrund befindet sich eine Gruppe Kommunikantinnen. Effektvoll betonte Kuehl diesen Teil desWerks, indem er einen Sonnenstrahl die sitzenden Figuren erfassen lässt und einen Altar goldglänzend zum Leuchten bringt. Nahezu gegensätzlich erscheint der Bildvordergrund: Hier bestimmen die dunklen Kirchbänke die Farbstimmung und -wirkung, hell leuchtende Glanzpunkte sind nicht vorhanden – ein kompositorischer Kniff, mit dem Kuehl die Szene im Bildhintergrund wirkungsvoll betont und den Blick entsprechend führt. Auch die leeren Kirchenbänke erzeugen einenWirkungskontrast zwischen Vorder- und Hintergrund, indem sie der bevölkerten Szene eine auffallende Leere entgegenstellen. Spätestens durch diese farblichen und atmosphärischen Kontraste wird die Szene im Bildhintergrund zum inhaltlichen Mittelpunkt. Interessant ist dabei

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