Leseprobe

13 außerdem, dass Kuehl die Betrachtenden zu abseitsstehenden Beobachtenden machte; auch und gerade weil das vertraute Miteinander der Kommunikantinnen eine gewisse Intimität besitzt. Ein Jahr später malte Kuehl erneut einMotiv aus demÜberlinger Dom. In Kommunikantinnen im Dom zu Überlingen (Abb. 2) treten drei Kommunikantinnen durch eine offenstehende Gittertür und durchqueren den Bildraum in Richtung eines imBildmittelpunkt offenstehenden Seitenportals, das den Platz außerhalb des Doms zeigt. Quadratische Fußbodenplatten heben gleichermaßen die Zentralperspektive und denWeg der Kommunikantinnen hervor. Kuehl betonte den Ausgang auch durch ein herabhängendes, auffällig rotes Banner, den Schattenverlauf eines darunter stehenden hölzernen Chorgestühls und bunte Lichtreflexionen auf den Platten, die von der über dem Portal befindlichen Madonnenfigur auf den Boden geworfen werden. Beide Szenen aus demÜberlinger Dom vermitteln aufgrund der Nüchternheit, mit der sich Kuehl demMotiv zuwandte, einen momenthaften Eindruck, der – abseits vomOrt, an dem die Szene stattfindet – eine profane Alltäglichkeit entwickelt. Sie deuten damit eine Entwicklung an, die in Werken aus den folgenden Jahren noch deutlicher zutage tritt. Das Festliche, das durch die Kleider der Figuren dezidiert vorhanden ist, findet keine übermäßige Betonung und ein fromm-religiöser Kontext ist über das Verorten der Szene im Überlinger Dom hinaus nicht vorhanden. Bildelemente als Ausdruck der Frömmigkeit, wie Geistlichemit Gesangs- oder Gebetsbücher oder präsent ins Zentrumgerückte Kanzeln, die in den in Hamburg entstandenen Werken regelmäßig auftauchen, spielen in diesen beiden Gemälden kaumnoch eine Rolle. Merkmale wie der weit entfernte Standpunkt oder die angeschnittene Figur sorgen für einen zufälligen Charakter und erinnern anMomentaufnahmen. Ein vergleichender Blick auf Inneres der Münchner Damenstiftskirche zeigt, dass es in diesen beiden in Überlingen entstandenen Gemälden weniger ausgeprägt um die Wiedergabe einer besonderen Lichtsituation ging. Vor allem ein Vergleich der jeweiligen Figuren offenbart, dass die Kommunikantinnen der späteren Werke kaum noch so kunstvoll inszeniert sind. Dieser Unterschied verdeutlicht abermals die exponierte Stellung des Werks aus der Damenstiftskirche in Kuehls Œuvre und dessen Bedeutung als eines seiner Meisterwerke. Profanisierung des Kirchenraums Bei seinen häufigen Aufenthalten in Überlingen malte und zeichnete Kuehl auch immer wieder den Innenraum der Franziskanerkirche. Es entstand die Gouache Franziskanerkirche zu Überlingen (Abb. 3, siehe Kat.-Nr. 31, S. 42), die Öl-, Gouache- und Kreidezeichnung Süddeutsches Kircheninterieur (siehe Kat.-Nr. 27, S. 44) sowie Kircheninneres (Scheuerfest in der Franziskanerkirche in Überlingen) (Abb. 4) – ein Gemälde, das aus gleich zwei Gründen bemerkenswert ist: Es ist eines seinerWerkemit der stärksten impressionistischenWirkung und verfügt mit die Kirche säubernden Nonnen über ein ausgeprägtes erzählerisches Element – ganz zu schweigen vom ironisch-deskriptiven Titel Scheuerfest. Abermals komponierte Kuehl eine starke Tiefenwirkung entlang des Mittelschiffs. Seitlich nach rechts und links verlaufen die Kirchenbänke, während im Bildhintergrund der Altar den Endpunkt setzt. Golden gerahmte Andachtsbilder an den Pfeilern, die reich verzierte Kanzel und schließlich der durch von rechts einfallendes Licht golden strahlende Hauptaltar der Kirche erzeugen die leuchtende Atmosphäre des Werks. Wie in zahlreichen seiner Interieuransichten mit Wohn- oder Arbeitsräumen fügte Kuehl mit der Wiedergabe der die Abb. 2 Kommunikantinnen im Dom zu Überlingen · 1904 Öl auf Leinwand · 81,5 × 48 cm Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. M 4034

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