Leseprobe

6 »Ein Maler deutscher Städtebilder, in erster Linie Dresdner Stadtansichten, ein Maler farbiger Innenräume, sowohl behaglicher holländischer Stuben als eleganter Salons, ein Maler reichbewegter Innenbilder alter Barockkirchen, dazwischenmanchmal ein Genrebild, bei dem aber nie das Was, sondern nur das Wie ausschlaggebend ist, ein deutscher Impressionist, für den die wahre künstlerische Arbeit erst beim Ansetzen des Pinsels beginnt, weil alle Bilder nur Reflexe dessen sind, was sein für Farbe, Licht und Luft empfängliches Auge sieht.«1 Das schrieb 1918 der einstige Direktor der Städtischen Sammlungen Dresden, Georg Minde-­ Pouet, über den Künstler Gotthardt Kuehl drei Jahre nach dessen Tod. Als Gotthardt Kuehl 1915 starb, hatte sich die Dresdner Kunstlandschaft in den 25 Jahren seinesWirkens in der sächsischen Residenzstadt unter seinem Einfluss grundlegend verändert. Er war eine respektierte Persönlichkeit in der Szene, hochgeachtet und verehrt von Kollegen und Schülern. Nach umfangreichemWerben und anfänglichemZögern hatte sich Kuehl 1895 entschlossen, 25 Jahre, nachdem er Dresden ohne auch nur einMeisteratelier zu besuchen als unzufriedener Kunststudent verlassen hatte, eine Berufung an eben dieser Hochschule anzunehmen und wieder mit seiner Familie nach Dresden zu ziehen. Sein Amtsantritt an der Kunstakademie war eine Initialzündung für die Erneuerung der in alten Konventionen erstarrten Kunsthochschule gewesen. Er hatte die Akademie auf einen neuen Weg gebracht und ihre Strukturen aufgefrischt. War Kuehl, als er nach Dresden kam, das jüngste Mitglied des akademischen Rates, hatte er am Ende seines Dresdner Wirkens fast den ganzen Lehrkörper verjüngt. Mit Carl Bantzer, Otto Gussmann, Eugen Bracht, Robert Sterl, Emanuel Hegenbarth, Richard Müller und Oskar Zwintscher gelang es ihm, junge verheißungsvolle Maler als Professoren an die Akademie zu ziehen. Mit Kuehls Person war auch Dresdens Aufstieg als Ort moderner, internationaler Kunstausstellungen verbunden. Im neuerbauten Glaspalast an der Stübelallee fand 1897 die erste Internationale Kunstausstellung statt. Diese Ausstellung mit Arbeiten deutscher Impressionisten, 60 Werken Constantin Meuniers, Arbeiten von Claude Monet, Edgar Degas und Innenraumentwürfen von Henry van de Velde erregte deutschlandweites Aufsehen. In den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg organisierte und kuratierte Gotthardt Kuehl weitere Ausstellungenmit überregionaler Beteiligung. Nicht bei allen ansässigen Künstlern stieß die damit verbundene Abschaffung der traditionellen akademischen Ausstellungen auf Zustimmung, nicht von allen Entscheidungsträgern wurden diese Neuerungen begrüßt. Es war ein großer Verdienst Kuehls, sich von allenWiderständen unbeirrt weiter zu engagieren. Doch vor allemals Künstler hat Gotthardt Kuehl die Kunstentwicklung in Dresden wie kaum ein anderer geprägt. Er brachte neue Impulse des Impressionismus aus Paris, wo er zehn Jahre von 1879 bis 1889 gelebt und gearbeitet hatte, mit hierher. Unter ihm etablierte sich die Freiluftmalerei in der Residenzstadt zu einer ernstzunehmenden Stilgattung. Neben Carl Bantzer war er einer der bekanntestenMaler, die sich in Goppeln demPleinairismus widmeten. Er war Gründungsmitglied der FreienVereinigung Dresdner Künstler, des Vereins bildender Künstler Dresdens und Ehrenvorsitzender der 1902 gegründeten Künstlervereinigung Die Elbier. Ein Lichtblick für Dresden

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