9 Der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Gotthardt Kuehl zählte zu Lebzeiten zu den bekanntesten deutschenMalern um 1900. Mit dafür verantwortlichwaren seinemoderat impressionistischen Gemälde, die zahlreiche nationale und internationale Kritiker überzeugen konnten.1 Wesentlich für seine künstlerische Entwicklung von einem brauntonigen Genremaler der 1870er Jahre hin zu einemMaler, der sich verstärkt mit derWiedergabe von Lichtstimmungen beschäftigte, waren neben einem zehnjährigen Aufenthalt in Paris Impulse aus den Niederlanden. Wie so viele andere Künstlerinnen und Künstler ließ er sich inspirieren von der dortigen Landschaft, vom Alltag und von dort stammenden Kunstschaffenden sowie von deren Kunstwerken. Das Vorbild der niederländischen Kultur speziell für deutsche Malerinnen und Maler des »deutschen Impressionismus«, zu denen auch Kuehl zählt, ist hinlänglich erforscht.2 Es erstreckt sich vor allemauf die Gattungen der Landschaftsmalerei und Interieurdarstellungen. So sind auch Kuehls zahlreiche Interieurs – Darstellungen von Innenräumen jeglicher Art sind die bestimmende Gattung in seinemŒuvre – wesentlich durch Aufenthalte und Beobachtungen in den Niederlanden geprägt.3 Das Kircheninterieur zählt zu den speziellen Formen des Innenraumbilds. Es ist ein Motiv, das Kuehl entscheidend von seinen Zeitgenossen und ebenso begeisterten Niederlande-Reisenden wie Max Liebermann und Lovis Corinth unterscheidet. Kuehls Interesse an diesem spezialisierten Typ des Architekturbilds ist wohl vor allem auf seine Auseinandersetzung mit Kunstwerken zeitgenössischer und Alter niederländischer Maler zurückzuführen. Denn einhergehend mit der Wiederentdeckung zahlreicher Alter Meister im ausgehenden 19. Jahrhundert wandten sich auch einige wenige zeitgenössische niederländische Maler der Darstellung von Kircheninterieurs zu, derenWerke wiederum Kuehl sicherlich bekannt waren.4 Allerdings malten keine Künstlerin und kein Künstler entsprechende Werke mit einer mit Kuehl vergleichbaren Intensität und in einem ähnlichen Umfang. Entwickelt hatte sich die Gattung des Kircheninterieurs an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, als sich vor allem in den Niederlanden Künstler zu Architekturmalern spezialisierten und Innenansichten von berühmten Kirchen schufen. Wesentlicher Grund für die Entdeckung dieses Motivs war die in den Niederlanden vollzogene Abspaltung des Glaubens, welche den Kircheninnenraum stark veränderte: Das calvinistische Bilderverbot sorgte für eine weniger dekorative Wirkung und ließ die Kircheninnenräume nüchterner wirken.5 Zugleich wurden sie immer mehr zu einem öffentlichen Raum, was sie für niederländische Maler – angesichts ihres Interesses an gesellschaftlichen Alltäglichkeiten – zu einemhäufig gewählten Motiv machte.6 Auch Gotthardt Kuehl interessierte sich grundsätzlich für die Wiedergabe von Alltäglichkeiten. Möglicherweise wählte er auch daher immer wieder Kircheninterieurs als Motiv. Hinzu kommt sein ausgeprägtes Interesse an der Darstellung charakteristischer Innenräume. Ein großer, mitunter heller (Kirchen-)Raum, in den starkes Licht fällt, wird für Kuehl äußerst attraktiv gewesen sein: Denn analog zur generellen künstlerischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der sich Künstlerinnen und Künstler für malerisch-ausdrucksstarke Sujets begeisterten, vollzog er seine Entwicklung zu einem impressionistischen Maler dadurch, dass er das Licht in seine Interieurs holte. Jasper Warzecha Das Licht zum Leuchten bringen – Gotthardt Kuehls Kircheninterieurs Abb. 1 Inneres der Münchner Damenstiftskirche 1. Hälfte 1890er Jahre (Detail) Öl auf Holz · 78,5 × 46,5 cm Museum Georg Schäfer, Schweinfurt WVZ 259
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1