Im Gespräch 81 Bei der CDU haben die mir dann das hinterste Mickten, wo mich kein Mensch kannte, als Wahlbezirk zugeteilt. Da habe ich mir gedacht: Jetzt musst du Zähne zeigen! Ich ließ Flyer drucken, bin von Tür zu Tür gegangen und habe mit den Leuten gesprochen. Dadurch bin ich vom Listenplatz 17 oder 20 auf Platz 6 vorgewählt worden. Das war im Mai 1990 und hat dann auch dem späteren Oberbürgermeister Herbert Wagner Achtung abgerungen. Im Juni 1990 war die konstituierende Sitzung des Stadtrats. Da wurde ich zum Kulturdezernenten gewählt, das wollte ja sonst keiner machen. Wie ging es dann los? Zu DDR-Zeiten war ich als Restaurator und Maler freischaffend tätig; ich war ein Ein-Mann-Betrieb. Ich habe immer gesagt, ich bin einer der Wenigen, die schon in der DDR unter kapitalistischen Bedingungen gearbeitet haben und wussten, wie das ist. Nach der Wende kamen die anderen alle aus VEB-Betrieben, Hochschulen oder sonst was. Vom Einzelkämpfer-Dasein kommend war ich plötzlich verantwortlich und hatte Institutionen unter mir. Es musste alles umstrukturiert werden; das war eine irre Aufgabe. Bis Oktober 1990 unterstanden mir ja auch sämtliche Landeseinrichtungen, denn das Land Sachsen hat sich erst im Oktober 1990 konstituiert. Bis dato war ich für die Semperoper, das Großes Haus, die Kunstsammlungen zuständig. Ich dachte mir, das ist neue Zeit, jetzt machen wir mal richtig los. Mein großer Vorteil war, dass ich nirgendwo verbandelt war. Ich bin keine Parteileiter hoch, ich kannte niemanden; Beziehungen oder sonst was hatte ich nicht. Mit Peter Graf und Peter Makolies hatten wir persönlichen Kontakt, aber das war nicht relevant. Womit hat Ihre Zeit als Kulturdezernent begonnen? Als erstes ging es los mit Personalbesetzungen, das war nicht einfach. Ich musste gestandenen Leuten sagen »Tschüss, Sie haben zu gehen«, weil Sie partei- und zeitmäßig nicht mehr reinpassten. Dann musste ich alles entzerren, dafür habe ich viel Dresche bekommen. Zu der Zeit gehörte auch die Kindereisenbahn, die Konzert- und Gastspieldirektion und das Blockhaus zu meinemBereich. Da war ich Dienstherr von Köchen und Kellnern. Dazu gab es Spartipps von meinen lieben Brüdern und Schwestern aus dem Westen. Da hörte ich: Wozu braucht ihr denn zwei Orchester in dieser Stadt? Die hatten keine Ahnung von unserer Geschichte und Kultur. Für die Stadtbibliotheken habe ich einen Ingenieur eingestellt, der PC-Experte war. Er hat die Dresdner Stadtbibliothek zu der führenden Stadtbibliotheken Deutschlands gemacht. Das Stadtmuseum habe ich mit Matz Griebel besetzt. Der hatte Landwirtschaft studiert, war also kein Kunsthistoriker, aber der beste Kenner der Dresdner Stadtgeschichte und der Geschichte Sachsens. Im Stadtmuseum war auch der Städtische Kunstbesitz integriert. (Anmerkung der Redaktion: Daraus ging im Jahr 2000 die Städtische Galerie Dresden hervor.) Ich wusste damals auch, dass die Mitglieder des Stadtrats noch alle mit sich zu tun hatten. Da musste ich Pflöcke einschlagen. Mir war klar, wenn die erwachen, hat die Kultur keine Chance mehr. Für mich war die Erhaltung dieser ganzen Institutionen wichtig. Da ist auch nichts weggebrochen, im Gegenteil, es ist dazugekommen. Ich habe privatisiert, was zu privatisieren war.
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