Leseprobe

368 | ����������� Sie trägt einen Köcher am Rücken und hält Pfeil und Bogen in Händen. Drei Spangen fassen das Schneckengehäuse ein. An deren oberem Ende fungieren weibliche Hermenfiguren mit schmalem Oberkörper und weit ausgebreiteten Flügeln als Verbindungsglied zwischen der Schaftfigur und dem breiten Lippenrand. Letzterer wird unten von einem blattförmigen Fries mit wellenförmiger Binnenzeichnung und kleinen Löchlein abgeschlossen. Die dort angebrachten Strichätzungen ähneln denen der Kat.-Nrn. 47 und 48, vor allem in ikonografischer Hinsicht, ohne sich jedoch im Detail zu wiederholen. Tritonen und eine Nereide tummeln sich zusammen mit einem Hippokampen und einem Delfin zwischen Schilfbündeln. Die Ausführung mit breiteren Linien erscheint hier etwas gröber als bei den anderen Pokalen. Zuschreibung und Datierung Siehe Kat.-Nr. 48. Vergleichsstücke Das Grüne Gewölbe verwahrt einen etwa gleichzeitig entstandenen weiteren Turbanschneckenpokal, ebenfalls von Tobias Wolff (Kat.-Nr. 48). Auffällig ist, dass die beiden Trinkgefäße des Nürnberger Goldschmieds eine vergleichbare Gestaltung aufweisen. Wahrscheinlich trugen sie ursprünglich die gleichen Deckelbekrönungen in Form eines Puttos respektive Amors, der, wie die Schaftfigur, auch Pfeil und Bogen hielt. Die Sockel unterscheiden sich in der geometrischen Grundform, und auch die Schaftfiguren repräsentieren einen anderen Typus (siehe Ikonografie). Obwohl der vorliegende Pokal rund halb so viel wie sein Vergleichsbeispiel wiegt und auch um etwas mehr als sieben Zentimeter kleiner ist,1 wirft die frappante Ähnlichkeit die Frage auf, ob die beiden Stücke als Pendants geschaffen wurden oder gar Teil eines Ensembles waren. Zudem ergibt sich die Frage, ob sich die Schaftfiguren ikonografisch auf die Kontinente Südamerika (Kat.-Nr. 49) und Asien (Kat.-Nr. 48) beziehen könnten.2 Ikonografie Die fast nackte Schaftfigur verweist auf die Herkunft der Turbanschnecken, die gleichermaßen wie die ebenfalls häufig als Kuppa verwendeten Nautili, Kokosnüsse oder Straußeneier aus fernen Ländern stammen.3 Diese vor allem in der Nürnberger Goldschmiedekunst ab 1600 verbreitete Art der Schaftfigur begegnet uns in verschiedenen Versionen (Abb. 1): an einem Nephritgefäß im Grünen Gewölbe (oben links), an einem dreifachen Ananaspokal des Nürnberger Meisters Georg Müllner in Kassel und an einem Nautiluspokal in Privatbesitz.4 Die Ähnlichkeit ist so frappant, dass von ein- und demselben Gussmodell ausgegangen werden kann. Die farbig gefasste Variante an einem Nautiluspokal von Hans Utten schaut zwar auf den ersten Blick gleich aus, unterscheidet sich aber in signifikanten Details, wie der Größe, dem Armschmuck und der Haltung (Abb. 1 unten links). Die Trägerfigur des Nautilusgefäßes von Tobias Wolff (Abb. 1 unten rechts) folgt hingegen anderen gestalterischen Prinzipien. Sie weist zwar auch eine Art Federschmuck und lockige Haare auf, ist aber mit einer römisch inspirierten militärischen Tracht bekleidet und damit deutlich näher an europäisch geprägten Modellen. Die Figur des vorliegenden Pokals lässt noch eine weitere Interpretation zu: Sie trägt einen überdurchschnittlich großen Pfeil, mit dem in europäischen Quellen die südamerikanische Bevölkerungsgruppe der Tupinamba charakterisiert wird.6 Auch der Federschmuck weist geografisch in diese Richtung, während die Physiognomie sich eher auf den afrikanischen Kontinent bezieht. In den Quellen ist entsprechend von einem »Mohren« bzw. »Afrikaner« die Rede. Ganz offensichtlich werden hier, wie es im Europa der Neuzeit üblich war, unterschiedliche Kulturkreise vermischt, um ein Bild des »Exotischen« zu kreieren (siehe S. 65).7 Abb. 1 Vier Schaftfiguren im Vergleich Kat.-Nrn. 79, 49, 48 und 36 (im Uhrzeigersinn)

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