Leseprobe

Pokale | Kokosnusspokale | 385 So scheint ein Festhalten an der traditionellen Zuschreibung (Nürnberg) durchaus plausibel, eine Entstehung in Straßburg ist ebenso denkbar. Dabei sei betont, dass sich die Ähnlichkeiten auf einzelne Elemente beschränken. Zu singulär ist die Gesamterscheinung des Pokals, als dass man dafür ein direktes Vergleichsbeispiel ausmachen könnte. Provenienz Die Gewichtsangabe des Pokals im Kunstkammerinventar von 1640 ist fast identisch mit der im Inventar der Silberkammer 1581–1586. Statt einem Quent (etwa 3,65 g) sind dort zwei Pfennige (etwa 1,82 g) verzeichnet. Es handelt sich also um eine minimale Abweichung, die eine Ersterwähnung im Silberkammerinventar plausibel macht. Auch der Hinweis auf die geschnittenen Szenen deutet auf das vorliegende Trinkgefäß hin. Das Gefäß kam über die Behörde der Rentkammer in die Kunstkammer und nach deren Auflösung, wie die anderen Kokosnussgefäße, ins Historische Museum. 1890 fand der Pokal schließlich in der Schatzkammer seinen endgültigen Platz. Ikonografie und Vorlagen Die qualitätvollen Schnitzereien mit neutestamentlichen Szenen der Geschichte des verlorenen Sohnes auf der Kuppa sind nach Vorlagen von Hans Sebald Beham gestaltet (Abb. 5).4 Sie thematisieren wie viele eingeschnittene Darstellungen auf Kokosnusspokalen menschliche Ausschweifungen in Form von Alkoholgenuss und erotische Szenen.5 Diese Ikonografie bezieht sich auf den ursprünglichen Gebrauch der Pokale als Weingefäße und beinhaltet ein moralisierendes Moment.6 Besonders beliebt war die Geschichte des verlorenen Sohnes mit dem Gelage bei den Huren, wie sie auch hier detailreich veranschaulicht wird. Es dürfte kein Zufall sein, dass die letzte Szene mit der Wiederaufnahme des Sohnes durch den Vater, dem Sinnbild für die Gnade Gottes, nicht dargestellt ist. Im Mittelpunkt steht vielmehr das lasterhafte Leben des verlorenen Sohnes und so der klare Bezug zum Trinkgefäß selbst. Die religiöse Dimension des Gleichnisses mit der neuen reformatorischen Interpretation Martin Luthers dürfte dabei nur am Rande eine Rolle gespielt haben.7 Das im Boden der Kokosnuss eingelassene Medaillon mit Jesus und der Umschrift »EGO · SVM · IHESVS · A ET Ω« relativiert den Aussagegehalt der lasterhaften Szenen auf der Kuppa und verweist auf Christus und dessen ewige göttliche Präsenz (Abb. 2). Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Der original zugehörige Deckel wird im Kunstkammerinventar von 1640 noch erwähnt und genauer beschrieben, 1732 ist er bereits nicht mehr Teil des Pokals. Irgendwann vor 1890 (erste Erwähnung) ist ein neuer Deckel angefertigt worden (Abb. 6, siehe auch Kat.-Nr. 57). Diese Ergänzung greift zwar das Blattmotiv des Fußrings auf, wirkt aber durch den schnörkellosen Abschluss mit dem glatten Knauf fremd auf dem feinteilig durchgearbeiteten Pokal. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts konnte der originale Deckel ausfindig gemacht (siehe Kat.-Nr. 68) und wieder dem Objekt zugeordnet werden, für das er gefertigt wurde. Eine Spange fehlt, sie wird bereits 1741 als zerbrochen geschildert. Das Tiefschnittemail im Schaft und eventuell auf dem oberen Teil des Fußes ist nicht mehr vorhanden. Das Email zusammen mit der Farbfassung, von der sich noch Reste auf der Bekrönungsfigur erhalten haben, muss dem Pokal ursprünglich ein farbenfrohes Erscheinungsbild verliehen haben. Im Fuß befinden sich mehrere Gusslöcher. Bei der Szene Der Aufbruch des verlorenen Sohnes (Abb. 1) ist ein relativ großer Ausbruch in der Kokosnuss zu verzeichnen. Die am Deckel stark plastisch hervortretenden Masken weisen an einigen Stellen Löcher auf, die wahrscheinlich bereits bei der Treibarbeit entstanden sind. Das Objekt wurde 1968 einer restauratorischen Maßnahme unterzogen.8 TW Literatur Hettner/Büttner 1871, Bl. 30 (links); Seidlitz 1921, S. 262, 276, Nr. 122, Taf. 30; Sponsel 1921, S. 138; Sponsel 1925–1932, Bd. I, S. 214, Taf. 70; Haenel/ Holzhausen 1937, S. 66; Dresden 1960, S. 54, Nr. D 91 (mit Abb.); Menzhausen 1968 a, S. 76 f., Taf. S. 18; Fritz 1983, S. 100, Nr. 69, Farbtaf. 8, Taf. 36 b; Syndram 1994, S. 45, 83; Kappel/Weinhold 2007, S. 38; Syndram/Minning 2010, Bd. III (1640), Abb. 26; Torgau 2014, S. 113, Nr. VI/2, S. 116 f., Abb. 130 –132; Syndram 2021 a, S. 85 Anmerkungen 1 Sponsel 1925–1932, Bd. I, S. 214. In dem Führer von 1921 ist nur von »Mitte des 16. Jahrhunderts« die Rede, Sponsel 1921, S. 138. 2 So beispielsweise bei Lopato 2002, S. 165 f., Nr. Hr 3, oder noch überzeugender bei der Entwurfszeichnung von Wenzel Jamnitzer für einen Renaissancepokal, siehe NGK 2007, Bd. II, S. 57, Abb. 33. 3 https://collections.lacma.org/node/172799 (aufgerufen am 22. 8. 2023). 4 Koch 1978, S. 51, Nrn. 31–33. 5 Fritz 1983, S. 55–58. 6 Greve 2006, S. 205. 7 Vgl. dazu Torgau 2014, zum verlorenen Sohn (zusammen mit der Hure Babylon) S. 111–119. 8 Restaurierungsbericht, Eva Herzog, Mai 1968 (AGG). Abb. 6 Gesamtaufnahme mit vor 1890 angefertigtem Deckel, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. IV 330 a Abb. 4 Entwurf für einen Deckelpokal Wenzel Jamnitzer, 1551–1570 Kupferstich, H 43,8, B 21,7 cm London, Victoria and Albert Museum, Inv.‑Nr. E.1744-1907

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1