Leseprobe

666 | ����������� Die Montierungsweise der Besätze zeigt Parallelen zu dem silbervergoldeten Berg des Altarkreuzes von Johann Heinrich Köhler von 1736 (Bad Langensalza, Bergkirche St. Stephan).5 Mittels Bindedrähten durch jeweils vier Löcher sind an diesem Kreuz die Kastenfassungen der großen Steine befestigt, während dazwischen kleine Emailblüten mit Steinen aufgeschraubt wurden.6 Ein weiteres, allerdings viel früher zu datierendes Beispiel eines Gefäßes, das durch die Applikation zahlreicher Schmuckstücke in ein prunkvolles und unikales Werk verwandelt wurde, hat sich im Kunstgewerbemuseum Budapest erhalten.7 Der Pokal mit skulpturaler Schaftfigur wurde 1638 mit unzähligen Schmuckstücken versehen, die wohl um 1600 in der Prager Werkstatt des berühmten Goldschmieds Jan Vermeyen entstanden. Der hier vorliegende Humpen dürfte ebenfalls in der Intention gefertigt worden sein, die Schmuckbesätze einer Zweitverwendung zuzuführen (siehe Bedeutung). Provenienz Der Humpen ist erstmals aufgeführt im Inventar, das die Zugänge von Pretiosen zwischen 1725 und 1733 verzeichnet. Dort findet sich allerdings kein Hinweis auf seine Provenienz. Vorlagen Die Besätze des Humpens reflektieren die französische Schmuckmode der 1660er Jahre, die, verbreitet etwa durch die Musterbücher des Gilles Légaré, große Popularität in ganz Europa erlangte. Seine 1663 in Paris erschienenen Livres des ouvrages d’orfèvrerie und weitere Vorlagensammlungen zeigen Varianten unterschiedlichster Schmuckstücke mit geschliffenen Edelsteinen, großen Perlen und Email – wie Broschen, Anhänger, Ketten, Agraffen, Ohrgehänge und Haarnadeln –, aber auch Beispiele für einzelne Glieder in Form von Rosetten und Schleifen8 für Halsketten oder Armbänder (Abb. 1).9 Abb. 1 Modèles de nielles, de bijoux, de bagues, de chaines Gilles Légaré, Paris, 1663 Kupferstich, H 15,3 cm, B 12 cm London, British Museum, Inv.-Nr. 1875,0710.1351 applikationen versehenen Schmuckkassetten3 und andere Prunkgefäße von Hans Jakob Mair.4 Die Steinfassungen sind dort jedoch normalerweise mittels Nieten bzw. Schrauben befestigt oder sogar direkt angelötet (siehe Kat.-Nr. 147). Auch der Emaildekor der Augsburger Objekte unterscheidet sich grundlegend von den Blüten an dem Dresdner Humpen. Dort kam vermehrt sogenanntes Reliefemail zum Einsatz, das auf dünnem Silberblech aufliegt und meist großflächig eingesetzt ist.

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