Leseprobe

Humpen | 667 des zylindrischen Kruges nicht im besten Einklang, eine frühere Zeit würde dem Krug noch eine mehr künstlerische Ausstattung verliehen haben.«10 Derartige Zierelemente entstanden als Halbfertigware und waren unterschiedlich einsetzbar, so etwa für Schmuck (Abb. 2) oder als Applikationen für Goldschmiedewerke wie Kästchen oder Galanteriewaren. Auch eine Anbringung an kostbaren Gewändern oder anderen Textilien scheint denkbar. Auf den höfischen Damenporträts der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind üppige Besätze mit Perlen und Edelsteinen erkennbar, festgenäht am Dekolleté oder dem unten spitz zulaufenden Mieder.11 Im Bestand der Dresdner Rüstkammer befindet sich ein Reitzeug, auf dem in vergleichbarer Weise eine Vielzahl emaillierter Besätze mit Farbsteinen angebracht wurde.12 Es ist durchaus denkbar, dass ein so ungewöhnliches Gefäß wie der Dresdner Humpen als höfische Auftragsarbeit nach individuellen Vorgaben entstand, wobei bereits vorhandene Besatzstücke oder Teile von Schmuckstücken auf originelle Weise wiederverwendet werden sollten. Zudem wäre dies eine Erklärung für das Fehlen von Goldschmiedemarken. Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Über die Jahrhunderte war das Erscheinungsbild durch dunkle Sulfidschichten und Verschmutzungen stark beeinträchtigt. Im Jahr 2001 erfolgte daher eine umfassende Restaurierung, bei der alle Einzelteile abgenommen und gereinigt wurden.13 UW Literatur Graesse 1881, S. 92, Nr. 594; Sponsel 1921, S. 262; Seidlitz 1922, S. 553, Nr. 791 a, Taf. 91; Sponsel 1925–1932, Bd. I, S. 64, 196, Taf. 61; Haenel/Holzhausen 1937, S. 68; Syndram 1997, S. 52, Nr. 79; Jackson 2004, S. 163, Nr. 4.15 Anmerkungen 1 Die Zerlegung des Stücks im Rahmen der 2001 erfolgten Restaurierung ermöglichte wichtige Erkenntnisse zur Herstellungsweise des Humpens; Restaurierungsbericht, Michael Wagner, November 2001 (AGG). 2 Vgl. Seling 1980, Bd. II, Abb. 440–444. 3 Vgl. etwa den Schmuckkasten, Hans Jakob Mair, Augsburg, um 1680, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. V 600; München 1994, S. 254 f., Nr. 58. 4 Seling 2007, S. 326–328, Nr. 1657. 5 Syndram/Weinhold 2019, S. 154 f., Nr. 25. 6 Willert 2019, S. 160 f. Abb. 6 (Innenseite des Bergs). 7 Inv.-Nr. E 64.2, Szilágyi/Bardoly/Haris 2014, S. 97–102, Nr. I.12; Budapest 2006/07, S. 85–87, Nr. 27. 8 Zum Motiv der Schleifen bei emaillierten und mit Edelsteinen verzierten Schmuckstücken vgl. Phillips 2003, S. 52 f. 9 Brüssel 2007/08, S. 122–125; Paris 2001, S. 244. 10 Sponsel 1925–1932, Bd. I, S. 64. 11 Vgl. Paas 1996/97 (mit Abbildungen zahlreicher Porträts). 12 Reitzeug, wohl italienisch, um 1600, mit Veränderungen von 1691 bis 1694, 1697 und 1734, SKD, Rüstkammer, Inv.-Nr. L 0007. Wir danken Viktoria Pisareva, Christine Nagel und Holger Schuckelt für die Hinweise. 13 Restaurierungsbericht, Michael Wagner, Oktober 2001 (AGG). Abb. 2 Halskette wohl französisch, um 1660 Kette und Anhänger 19. Jh. Gold, Email, Edelsteine, Perle London, Victoria and Albert Museum, Inv.-Nr. M.95-1909 Bedeutung Die in den Inventaren des 19. Jahrhunderts verwendete Bezeichnung des Gefäßes als »Humpen mit Smaragddubletten«, die sich in den Publikationen des Grünen Gewölbes durchgesetzt hatte, ist streng genommen nicht ganz korrekt. Denn eigentlich handelt es sich nicht im engeren Sinne um Dubletten, bei denen zwei Steine zusammengekittet oder -geklebt werden, sondern um farbig hinterlegte Bergkristalle, die einen Smaragd imitieren sollen (zu Glasdubletten siehe Kat.-Nr. 148). Sie wurden durch wenige echte Smaragde ergänzt, die nur als kleine Steine an den Besätzen der Kugelfüße, des Henkels und der emaillierten Schleifen zu finden sind. Der Charakter des Humpens wird geprägt vom Kontrast zwischen seiner schlichten, strengen Grundform und dem verspielten Besatz, der sich zwar effektvoll von der glatt polierten Oberfläche hervorhebt, allerdings auch etwas unmotiviert und eher unstrukturiert über die Flächen verstreut ist – Eigenschaften, die Sponsel zu einem wenig schmeichelhaften Urteil führten: »Der kostbare Schmuck steht mit der einfachen Gebrauchsform

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