208 | ����������� Beschreibung Die beiden Deckelpokale sind sich sehr ähnlich, differieren aber in Details und unterscheiden sich auch in der Höhe, sodass nicht von einem Paar im engeren Sinne gesprochen werden kann. Getriebene Buckel prägen die Gestaltung von Fuß, Kuppa und Deckel. Die im unteren Drittel eingezogene Kuppa weist in beiden Fällen drei übereinanderliegende Reihen von acht unterschiedlich großen Buckeln auf, die versetzt angeordnet und an der engsten Stelle gegeneinander verdreht sind. Der Deckel besitzt ebenfalls acht sich weit vorwölbende Buckel, die mit kleineren Buckeln verzahnt – und bei IV 300 spiralig gewunden – sind. Beide Deckel werden von einer Statuette in Gestalt eines Kriegers mit Lanze und Schild bekrönt, die auf einem Podest aus drei mit Perlschnüren belegten Spangen (IV 300) bzw. aus vier Blättern zwischen hermenförmigen Voluten (IV 297) stehen. Als Gegenplatte befinden sich im Deckel ein rundes Medaillon mit ziseliertem Fruchtwerk (IV 297) bzw. ein außen gezacktes Silberblech mit einem geätzten Blumen- und Fruchtbündel (IV 300). Die Füße der beiden Pokale sind weit hochgezogen, zeigen ansonsten aber deutliche Unterschiede. Während das Exemplar IV 300 analog zu Kuppa und Deckel wiederum mit acht Buckeln versehen ist, die auf einer mit Kreuzornamenten geschmückten Zarge aufsitzen, sind es bei IV 297 lediglich sechs, die direkt an den Standring anschließen. In beiden Fällen laufen sie gratig aus und verschränken sich mit einer weit hochgezogenen, kleineren Buckelreihe. Der Schaft setzt sich jeweils aus drei übereinander angeordneten Teilen zusammen, ist aber im Detail leicht variiert. Beide zeigen in der Mitte drei in Tierköpfen endende langgezogene Voluten im Wechsel mit drei Blattspangen sowie oben eine Kugel, die beim Pokal IV 300 flachgedrückt und mit einem umlaufenden Flechtband versehen ist. Der untere Teil des Schaftes besteht bei IV 297 aus einer durchbrochen gearbeiteten und mit geflügelten Puttenköpfen zwischen Schotenwerk versehenen Manschette, während IV 300 an dieser Stelle mit einem Perlstab besetzte Spangen aufweist. Der von zwei Kordeln gesäumte Lippenrand ist mit geätzten Blatt- und Blütenranken mit Tieren verziert (IV 297: Jagdszene mit Hirsch und zwei Hunden; IV 300: zwei Raubvögel, zwei Pfauen und ein Papagei). Die Zwischenräume der großen Buckel füllen applizierte Disteln, während streifig geschnittenes und aufgerolltes Blattwerk zwischen Schaft und Kuppa bzw. Fuß vermittelt (IV 300) und das kugelige Schaftelement (IV 297) einfasst. Zuschreibung und Datierung An Fuß- und Lippenrand sowie an der Deckelzarge sind beide Pokale mit der Meistermarke des Nürnberger Goldschmieds Peter Wibers versehen. Aus der Beschaumarke ergibt sich die Datierung zwischen 1603 und 1609. Es handelt sich also um frühe Werke Wibers, der erst 1641 gestorben ist. Provenienz und Gebrauch Wie bei vielen anderen Pokalen des frühen 17. Jahrhunderts fehlen auch hier Nachweise über Herkunft und Ort der Aufbewahrung. Erst im Silberinventar von 1723 sind die beiden Deckelpokale von Peter Wibers erstmals nachweisbar. Mit großer Wahrscheinlichkeit befanden sie sich schon länger in der Schatzkammer, wo sie jedoch aufgrund fehlender Inventare nicht nachzuweisen sind. Bei unterschiedlichen Gelegenheiten wurden sie am Dresdner Hof zur Bestückung der in Tafelnähe errichteten ephemeren Silberbuffets verwendet, so etwa 1766 anlässlich des 16. Geburtstags Friedrich Augusts III.1 Auch außerhalb der Residenzstadt dienten die beiden Pokale repräsentativen Zwecken. So zierten sie das Buffet des sächsischen Kurfürsten anlässlich der Kaiserkrönung in Frankfurt am Main 1742.2 Vergleichsstücke und Bedeutung Bei den beiden Pokalen handelt es sich um typische Beispiele der sogenannten Nürnberger Neugotik zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die sich der Formen aus der Zeit um 1500 bedienten und diese neu interpretierten. An Elementen wie etwa der bekrönenden Kriegerfigur, den Spangen an Deckelknauf und Schaft sowie dem geschnittenen Blattwerk geben sich die beiden in den Inventaren als »herzknollend« oder »herzknorricht« (d. h. gebuckelt)3 bezeichneten Gefäße als Schöpfungen des frühen 17. Jahrhunderts zu erkennen.4 Als typische Erzeugnisse der überregional bedeutenden Nürnberger Goldschmiedekunst stehen diese virtuosen Treibarbeiten nicht nur für kunsthandwerkliche Perfektion, sondern auch für »Tradition und Beständigkeit«.5 So erklärt es sich, dass derartige Buckelpokale vom 16. bis weit in das 17. Jahrhundert hinein häufig als offizielle Geschenke der Reichsstadt Nürnberg dienten.6 Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Laut einer Anmerkung im Silberinventar von 1723 wurden die »Zierrathen«, also die applizierten Besätze, auf königlichen Befehl vergoldet.7 Die Gesamterscheinung dürfte daher ursprünglich vom Kontrast zwischen weißsilbernen und vergoldeten Oberflächen geprägt gewesen sein, wie er ähnlich bei der Doppelscheuer des Nürnberger Goldschmieds Andreas Rosa beobachtet werden kann (Kat.-Nr. 18). Das heute jeweils um etwa 100 Gramm geringere Gewicht mag darauf zurückzuführen sein, dass applizierte Elemente verloren gegangen sind.8 Restaurierungen erfolgten 1966 und 1974.9 UW Literatur Graesse 1884, S. 66, Nr. 18, S. 67, Nr. 27; Sponsel 1921, S. 115 f. (IV 297), S. 117 (IV 300); R3, Nrn. 4119 f. (IV 297), 4119 g (IV 300); Sponsel 1925–1932, Bd. II, S. 34, 178, Taf. 14; Haenel/Holzhausen 1937, S. 59 (IV 297 oder IV 300); Dresden 1959, S. 78, Nr. C 66 (IV 297); Dresden 1963, S. 65, Nr. G 66 (IV 297), S. 85, Nr. G 302 (IV 300); Menzhausen 1968 a, S. 81, Nr. 29 (IV 297); Schade 1974, Abb. 64 (IV 300); Tokio 1979/80, S. 21, Nr. 22 (IV 300); Syndram 1997, S. 51, Nrn. 70, 71; Jackson 2004, S. 159 f., Nrn. 4.10A, 4.10B; Versailles 2006, S. 181, Nrn. 58, 59; NGK 2007, Bd. I.1, S. 447, Nrn. 957.04, 957.05
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