Leseprobe

770 | ������������������������������������������������ bekannt sind. Ihre Wanderschaft führte diese teilweise auch nach Süddeutschland, was entsprechenden Einfluss auf ihre Werke nahm.9 Für die Ornamentik der Flasche finden sich druckgrafische Vorbilder aus der Zeit um 1530.10 Gebrauch und Bedeutung Der bis in das antike Rom zurückreichende Typus der Pilgerflaschen zeichnet sich durch den runden, abgeflachten Körper, den Schraubverschluss sowie die Ösen auf der Schulter aus und war für Reisen vorgesehen; man konnte diese aus verschiedensten Materialien gefertigten Gefäße an den daran angebrachten Ketten ins Wasser hängen, um so die darin enthaltenen Getränke zu kühlen (daher auch die Bezeichnung Kettenflasche).11 Die Wahl dieses antiken Flaschentypus für die Darstellung der erfolgreich abgewehrten türkischen Belagerung der christlich-ungarischen Stadt Belgrad 1456 verweist auf das christlichantike Oströmische Reich vor der Eroberung und Besetzung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen und einen Status ante quem, den es durch eine Vertreibung der Osmanen aus Ungarn und vom Balkan zurückzugewinnen galt. Von einfachen Gebrauchsgegenständen entwickelten sich die Kettenflaschen schnell zu dekorativen Gefäßen mit Schauwirkung. Aufwendige Ausführungen aus Silber, Glas oder Keramik erfüllten eine repräsentative Funktion im Bereich der fürstlichen Tafel (Kat.-Nr. 164). Bereits im 15. Jahrhundert zeigen sie bildliche Quellen, zunächst einzeln, später häufig paarweise, in dekorativer Aufstellung auf dem Buffet neben der Tafel.12 Auch wurden sie dazu verwendet, während des Mahls den darin abgefüllten Wein in großen Wasserkühlern kalt zu halten.13 Das im weitesten Sinne als Pilger- oder Kettenflasche zu bezeichnende stattliche Gefäß stellt ein sehr ungewöhnliches Beispiel dieses Typus dar. Anstelle der Ketten besitzt es einen geschwungenen, bügelförmigen Henkel. Zudem ist es durch eine Abflachung des Körpers zur Bildung einer Schaufront14 und einen weit nach oben gezogenen Fuß gekennzeichnet – Merkmale, welche die Funktionalität zugunsten repräsentativer Qualitäten zurücktreten lassen. Auch die übergroßen Dimensionen der Flasche und ihr Gewicht von knapp acht Kilogramm lassen ihre praktische Verwendung fast unmöglich erscheinen.15 Und tatsächlich ist sie erstmals im Inventar der Kurfürstlichen Gemächer von 1591 erwähnt, und zwar im Zusammenhang der beiden als künstliche Bergstufen gestalteten Buffets, auf deren gipfelartigen Erhebungen Silbergefäße präsentiert wurden (siehe S. 21 f.).16 Aufgrund ihrer enormen Ausmaße ist zu vermuten, dass die Flasche, ebenso wie der Pokal von Valentin Geitner (Kat.- Nr. 12) und ein nicht erhaltenes Trinkgefäß in Gestalt eines Ofens, nicht direkt auf dem Buffet, sondern in dessen unmittelbarer Nähe aufgestellt war.17 Im Zuge der Neustrukturierung seiner Sammlungen ließ August der Starke das Stallgebäude räumen und die große Henkelflasche Abb. 1 Wandungsrelief auf Flaschenrückseite

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