Leseprobe

Lavabos | 809 Zuschreibung, Datierung und Vergleichsstücke Goldschmiedearbeit Aufgrund der Marken lässt sich das Lavabo dem Nürnberger Goldschmied Niclaus Schmidt zuschreiben und ziemlich genau zwischen 1592 und 1594 datieren. Die gegossenen Figuren auf der Fahne könnte Schmidt auch als Halbfertigware bezogen haben, die allerdings nicht wie aus einem Guss erscheint. Denn die Köpfe der männlichen Flussgötter sind ausdrucksstärker gestaltet als die ihrer weiblichen Pendants, der Quellnymphen – ein Unterschied, der aus der Verwendung verschiedener Vorlagen oder auch aus dem jeweiligen Abnutzungsgrad der Gussformen resultieren könnte. Es ist daher dennoch möglich, dass sie aus ein und derselben Werkstatt hervorgingen.1 Ganz offensichtlich wurde Schmidt von Werken seines Lehrers Wenzel Jamnitzer angeregt. Als Ideengeber für die Form des Schenkgefäßes könnte beispielsweise dessen außergewöhnliche Prunkkanne in der Münchner Schatzkammer gedient haben (Abb. 1).2 Aus Schmidts eigenem Œuvre bietet sich das 1592 entstandene Lavabo aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien als direktes Vergleichsbeispiel an (Abb. 2 und 3).3 Es wiegt fast doppelt so viel wie das Dresdner Ensemble, was durch die unterschiedliche Größe, Herstellungsweise und Materialauswahl erklärt werden kann. Das Wiener Becken besitzt im Gegensatz zum Dresdner Exemplar mit seinem komplett mit Perlmutterplättchen besetzten Holzkern nur zwei relativ schmale hölzerne Bänder, auf welche die Plättchen mittels Kitt aufgebracht sind. Der Goldschmied entwarf dieses Becken unter dem Eindruck indischer Vorbilder,4 wobei hier die Perlmutterarbeit klar hinter der dominierenden Montierung aus vergoldetem Silber zurücktritt. Die Ikonografie der Silberarbeiten ist dem Meer gewidmet und deutlich komplexer als bei der Dresdner Garnitur. So bevölkern die getriebenen Felder zwischen den beiden Perlmutterringen die unterschiedlichsten Meereswesen, und auf dem äußeren Ring sind wie in Dresden sechs plastische Flussgottheiten und Quellnymphen platziert. Zwischen den Figuren befinden sich anstelle der glatten Perlmuttercabochons große Barockperlen.5 Die Wiener Kanne führt die maritime Ikonografie fort, unterscheidet sich in der Gestaltung aber auf signifikante Art von dem Dresdner Exemplar und ähnelt in ihrer Formgebung eher dem klassisch-antik inspirierten Gießgefäß,6 wie es etwa der Leipziger Goldschmied Elias Geyer in seiner Garnitur verwendete (Kat.-Nr. 169). Lediglich einige Stilelemente der Wiener Kanne wie die vielfältigen Fantasiewesen weisen Gemeinsamkeiten auf. Auch sind auf dem durchbrochenen Rand des Beckens Naturabgüsse kleiner Tiere appliziert. Im Vergleich zu dem vorliegenden Ensemble ist das aus dem Kunsthistorischen Museum noch prächtiger und aufwendiger ausgeführt. Insgesamt wirkt die Oberflächenstruktur durch die durchbrochen gearbeitete Randverzierung und die kleinteiligeren Ornamente bewegter. Da die Wiener Garnitur durch eine Hofzahlamtsrechnung und die Stadtmarke genau auf das Jahr 1592 datiert7 und auch die Entstehung des Dresdner Ensembles durch die Nürnberger Beschau zwischen 1592 und 1594 eingegrenzt werden kann, sind sie quasi zeitgleich entstanden.8 Die Ausgangslage war aber jeweils eine andere: Einmal sollte ein indisches Becken gefasst, das andere Mal ein eigenes Becken – vermutlich unter Hinzuziehung eines Nürnberger Perlmutterschneiders (siehe S. 62) – in Anspielung auf die indischen Arbeiten hergestellt werden. Der Nürnberger Goldschmied hat die beiden Ensembles in unterschiedlich reicher Ausstattung ausgeführt, um verschiedene Käuferschichten anzusprechen. Die zurückhaltende Goldschmiedefassung in Dresden könnte durchaus bewusst gewählt worden sein, um die indische Perlmutterarbeit besser in Szene zu setzen. Denn diese Werke waren exklusiv und sehr geschätzt, im Gegensatz zur indischen Malerei (Abb. 4), welche unter einer aufwendigen Montierung verborgen wurde. Perlmutterarbeit und Malereien Die in Indien praktizierte Technik, unterschiedlich geformte Perlmutterplättchen mit einem Metallstift auf einem Holzträger zu montieren, erzeugt ein akkurat und homogen wirkendes Erscheinungsbild, das sich aber keinesfalls gleichförmig oder schematisch ausnimmt – im Unterschied etwa zu europäischen Nachahmungen wie dem Perlmutterbesatz des Bacchus, des Trinkspiels in Gestalt eines Elefanten (Kat.-Nrn. 101, 119) oder dem des Wiener Beckens. Die indische Technik der aufgelegten Perlmutterplättchen auf einem Holzkern findet sich in ähnlicher Art auch bei der frühesten Garnitur dieser Art im Grünen Gewölbe (Kat.-Nr. 168). Einen Hinweis auf die Existenz der üblicherweise von der Fassung verdeckten indischen Malereien auf der Beckenrückseite lieferte Menzhausen bereits 1968.9 2016 wurde im Rahmen einer Restaurierung die Montierung abgenommen, und die Malereien kamen in kräftigen Farben fast unversehrt zum Vorschein.10 Zwischen Ranken tummeln sich weibliche Schwarzböcke (auch Hirschziegenantilopen, Antilope cervicapra), Halsbandsittiche (Psittacula krameri) und in der Mitte ein weiblicher Pfau (Pavo cristatus) (Abb. 4).11 Sie muten in ihrem Duktus sehr frisch und fast naiv, volkstümlich im besten Wortsinn, an. Diese Art der indischen Malerei war im Gegensatz zur höfischen im Laufe der Zeit nur wenigen Änderungen unterworfen und zeichnet sich durch einen stilisierten Naturalismus aus. Sie findet sich auf Textilien und Holzkästchen aus Gujarat und kann zwischen 1540 und 1580 datiert werden.12 In ähnlichen Varianten begegnet sie uns auch an anderen Objekten.13 Solche Holzbecken gehörten in Indien ursprünglich zu einer Brautausstattung.14 Provenienz Siehe Kat.-Nr. 169. Abb. 1 Prunkkanne Wenzel Jamnitzer, Nürnberg, um 1570 Silber, vergoldet, Turbanschnecke, Email, H 32,5 cm München, Schatzkammer der Residenz, Inv.‑Nr. Res.Mü.Sch. 567

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