Leseprobe

810 | ������������������������������������������������ Ikonografie Ein einheitliches ikonografisches Programm, wie es in Wien der Fall ist, lässt sich nicht ablesen. Der Dekor wird bestimmt von vegetabilen Motiven wie Blumen und Früchten. Das Element des Wassers erscheint in Gestalt der gegossenen Flussgottheiten und Quellnymphen auf dem Beckenrand. In typisch manieristischer dynamischer Pose und durch ihre exponierte Lage in der Mitte des Beckens ziehen die drei Eidechsen als Naturabgüsse die Blicke der Betrachtenden auf sich und stehen für eine wichtige künstlerische Botschaft. Im Umkreis des wohl berühmtesten und gelehrtesten Nürnberger Goldschmieds, Wenzel Jamnitzer, erhielten die Naturabgüsse ihren komplexen Aussagegehalt.15 Dem Künstler ging es hier nicht nur um eine reine Demonstration seiner Fertigkeiten, die Natur nachzuahmen. Die suggestiven Posen und die ursprüngliche Bemalung der Eidechsen spiegeln auch den Leben generierenden Vorgang wider, den der Künstler gottgleich als Schöpfer beherrscht. Er ist imstande, die Natur zu zähmen und ins Ornamentale zu überführen.16 Niclaus Schmidt, der Schüler Jamnitzers, setzte diese wesentliche Aussage des künstlerischen Primats vor der Natur um, indem er die Tiere auch um die zentrale Reliefplatte gruppiert, die ein künstlerisch arrangiertes Stillleben mit Früchten zeigt, welches die Zufälligkeit der Natur bereits überwunden hat. In diesem Sinn ist auch die eigenwillige Drachenkanne zu verstehen. Der Goldschmied führt mit diesen unterschiedlichen, ineinander verschlungenen Fantasiewesen die künstlerische Invention vor Augen, die sich von einer vorgegebenen Naturform löst und daraus Neues erschafft. Bedeutung und Gebrauch Bei den beiden Lavabos von Niclaus Schmidt in Dresden und Wien handelt es sich um die spätesten Exemplare von Perlmuttergarnituren. Die Dresdner Kanne markiert einen Höhepunkt innerhalb einer Entwicklung, die ausgehend von orientalischen Formen (Kat.-Nr. 168) über klassisch-zurückhaltende Gestaltung (Kat.-Nr. 169) in diese höchst eigenwilligen manieristisch-zooAbb. 2 und 3 Kanne und Becken mit Perlmutter Niclaus Schmidt, Nürnberg, um 1592 Silber, vergoldet, Perlmutter, Granate, H 54 cm (Kanne), D 80 cm (Becken) Wien, Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Inv.-Nrn. KK 1124 (Kanne) und KK 1138 (Becken)

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