Leseprobe

866 | ������������������������������������������������ mer gelangt sein, da sie das 1619 angelegte Inventar noch nicht beinhaltet.14 Neben diesem prachtvollen, in Silber gefassten Exemplar verzeichnet das Inventar von 1640 zwei weitere ungefasste »coco de Maladiva«,15 von denen die eine bereits 1590 Eingang in die Sammlung gefunden hatte. Bedeutung Aufgrund der Seltenheit der Seychellennuss, deren ursprüngliche, in der Natur einzigartige Gestalt an weibliche Hüften erinnert, gehörte die eindrucksvolle Kanne zu den wertvollsten Stücken in der frühen Dresdner Kunstkammer. Die eigentümlichen Naturalien gelangten erstmals im Verlauf des 16. Jahrhunderts durch die portugiesischen Handelsgesellschaften nach Europa, wo sie schon bald mit den bereits bekannten Kokosnüssen um die Gunst der fürstlichen Käuferschaft konkurrierten. Da die Seychellenpalme endemisch und nur auf zwei Inseln des Archipels (Praslin und Curieuse) anzutreffen ist, avancierte ihre riesige Doppelnuss schnell zu den teuersten damals gehandelten Naturalien.16 Nur wenige Exemplare wurden von der Meeresströmung an die Küsten der südwestlich von Ceylon gelegenen Malediven gespült, sodass ihre Früchte als »coco de mer« oder »coco de Maladiva«, also maledivische Nüsse, bekannt wurden. Den Ursprung dieser Naturalien, bei denen es sich um die größten Baumfrüchte der Erde handelt, vermutete man in den Tiefen des Meeres – ein Mythos, der die Nachfrage zusätzlich befeuerte und über Jahrhunderte bestand. Zwar konnten 1769 französische Seefahrer das Rätsel ihrer tatsächlichen Herkunft lüften, doch dauerte es noch eine ganze Weile, bis dies allgemein bekannt wurde, wie die Dresdner Inventareinträge aus dem 19. Jahrhundert bestätigen. Noch 1921 schrieb Sponsel in seinem Führer des Grünen Gewölbes, dass die Nüsse »angeblich bei den maledivischen Inseln im Wasser vorkommen«.17 Wie dem Bezoar und dem Rhinozeroshorn schrieb man auch der Seychellennuss heilbringende Kräfte zu, so etwa bei Koliken, Lähmungen sowie Gicht, und hielt sie für ein wirksames Mittel gegen Vergiftungen – eine Eigenschaft, die bereits beim Ankauf der Dresdner Kanne hervorgehoben wurde. Die Bedeutung der Kanne, die sich durch die dezente, sich der ungewöhnlichen Form der Nuss ganz unterordnende Silberfassung auszeichnet, liegt in den gut dokumentierten Umständen ihrer Erwerbung im Jahr 1579. Es ist unter den erhaltenen Gefäßen dieser Art dasjenige mit der ältesten Provenienz. Bemerkungen zu Restaurierungen Eine Restaurierung der Kanne erfolgte 1972.18 UW Literatur Seidlitz 1920, S. 279, Nr. 171; Sponsel 1921, S. 194; Haenel/Holzhausen 1937, S. 81; Dresden 1960, S. 56, Nr. D 101; Menzhausen 1977, S. 141, Taf. 78; Fritz 1983, S. 126, Nr. 240, Taf. 125 a; Syndram 1997, S. 43, Nr. 28; Syndram 2005 b, S. 26 f.; Kappel/Weinhold 2007, S. 22 f., Syndram/Minning 2010, Bd. II (1619), Abb. 11; Weber 2012, S. 250, Abb. 3; Seoul/Gwangju 2017/18, S. 159, Abb. 1 Anmerkungen 1 Die Bedeutung dieses Kürzels ist unklar. 2 Inv.-Nr. G-006, Beuing 2015, S. 138–140, Nr. 103. 3 Ausführlich zur Problematik der Zuschreibungen derartiger Montierungen: Lissabon 2009, S. 85; Silva 2000 (zur Quelle: S. 233). 4 Silva 2009. 5 Stark 2003/04, S. 79; Kris 1932, S. 51. 6 Bauer/Haupt 1976, S. 18, Nrn. 293–300. 7 Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 6872, Wien 2000, S. 303–306, Nr. 240. 8 Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 6849, Mannheim 2012, S. 83, Nr. II.6; Washington 2007 (2), S. 48, Nr. P-51; Innsbruck/Wien 2006/07, S. 254 f., Nr. 5.9. 9 Thornton 2015, S. 260–263. 10 Beuing 2015, S. 138–140, Nr. 103; Lissabon 2009, S. 85 f., Nr. 30. 11 Uppsala, Kunstsammlungen der Universität, Inv.-Nr. UUK 1, Seling 2007, S. 185, Nr. 1157 p; Seling 1980, Bd. I, Taf. 3, Bd. II, Abb. 241. 12 Modena, Galleria Estense, Inv.-Nr. 2448. Wir danken Annunziata Lanzetta für die Zusendung eines Fotos sowie weiteren Informationen zu diesem Stück, das 1669 erstmals archivalisch belegt ist. Mantua 2008/09, S. 108, Abb. 6; Arezzo 1993, S. 75, Nr. 24. Das Gefäß in Privatbesitz wird erwähnt von Vassallo e Silva, doch ohne genaue Angabe zu den Besitzern und ohne Abbildung, Lissabon 2009, S. 85. 13 Anhänger mit dem heiligen Georg als Drachentöter, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. VIII 265. 14 Weber 2012, S. 250. Die bis 1624 erfolgten Zugänge listet das Inventar von 1619 nur teilweise auf; vgl. Syndram/Minning 2010, Bd. II (1619), Zur Einführung (ohne S.). 15 Inventar Kunstkammer 1640, fol. 390 r; Inventar Kunstkammer 1595, fol. 396 v: »Hieruber [...] Vnd 1 Indianische Nuß sindt Ao 90. einkommenn, wirdt sonsten Cocla de Maladiua genant«. 16 Siehe u. a. Weber 2012, S. 250; Stark 2003/04, S. 76–83; Fritz, S. 63 f. Die Doppelnüsse (von denen hier nur eine Hälfte verwendet wurde) benötigen bis zur Reife bis zu sieben Jahre. Sie können einen Durchmesser von 50 cm und ein Gewicht von bis zu 25 kg erreichen. 17 Sponsel 1921, S. 194. 18 Restaurierungsbericht, Christine Wendt, Juli 1972 (AGG).

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