Leseprobe

976 | Silberplastik tuieren die oberste Abtreppung. Die beiden Jesusfigürchen sind nackt dargestellt mit erhobener Rechten als Segensgestus, in der Linken halten sie die Weltkugel. Ihren Kopf umfängt je ein vergoldeter Strahlenkranz, dessen Stege in drei stilisierte Lilien münden. Die beiden Attribute, der Nimbus und die Kugel, sowie die sich jeweils zu ihren Füßen windende Schlange sind vergoldet. Eine vollständig durch das Postament verlaufende offene Bohrung dient der Aufnahme des am Fuß der Figur angelöteten Montierungsstifts, der von unten durch eine aufgeschraubte Mutter gesichert wird. Ikonografie, Bedeutung und Gebrauch Derartige Statuetten in Form ein- bis zweijähriger Christuskinder als Weltenherrscher stammen ursprünglich aus dem katholischen Glaubensritus.1 Dieser vorreformatorische Brauch hielt sich aber auch lange in protestantischen Ländern. So lässt er sich im Erzgebirge und den daran anschließenden Gebieten bis weit ins 18. Jahrhundert hinein verfolgen. Zum Weihnachtsfest wurden dort hölzerne Jesuskinder als sogenannte Bornkinnel in prächtige Gewänder gehüllt und in Kirchen gut sichtbar für die Gemeinde auf den Altar gestellt. Die Inschrift auf dem Holzsockel verdeutlicht diese Ikonografie. Der Text bezieht sich auf das dritte Kapitel der Genesis im Alten Testament, wo Gott den Satan verflucht, und stammt wörtlich aus Martin Luthers Reden Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet, 1545 (»Des Weibs Samen sol dir den kopff zu tretten«).2 Jesus, von der Jungfrau Maria geboren, wird den Satan überwältigen. Und in dieser Siegerpose tritt das Bornkinnel als Salvator auf, zertritt die um seine Beine gewundene Schlange und verheißt so den Gläubigen zum Weihnachtsfest die Überwindung des Bösen und die Errettung der Menschheit. Der heilversprechende Jesus als Kind in Form kleiner Silberstatuetten scheint weit weniger verbreitet gewesen zu sein als die hölzernen Skulpturen. Ein Nachweis findet sich aber bereits im Halleschen Heiltum, das eine bekleidete und kostbar verzierte silberne Salvatorfigur auf einem Sockel aufführt, in dem wahrscheinlich Reliquien (»36 Partikel«) aufbewahrt wurden (Abb. 1).3

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