Leseprobe

978 | Silberplastik Am protestantisch geprägten sächsischen Herrscherhaus waren die silbernen Figürchen beliebte Weihnachtsgeschenke für Frauen und Kinder (siehe Provenienz, Zuschreibung und Datierung). Da die Inventare aus dem 17. Jahrhundert nicht erhalten sind, lässt sich nicht belegen, ob sie sich damals bereits in der Schatzkammer befanden. Erst im Pretioseninventar von 1725 sind sie dann verzeichnet. In den entsprechenden Listen der Kunstkammer werden sie nicht geführt. Es könnte durchaus sein, dass die kleinen Figürchen zunächst der privaten Andacht dienten und erst später in das Grüne Gewölbe überführt wurden. Provenienz, Zuschreibung und Datierung Silberne Christusfigürchen tauchen in den sächsischen Hof- und Haushaltsrechnungen vom Ende des 16. bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. So schenkte 1593 die kurfürstliche Witwe Sophia ihrer gleichnamigen Tochter ein solches Bornkinnel, ein weiteres übergab Kurfürst Christian II. 1608 seiner Frau Hedwig.4 Beide Figürchen fertigte der Dresdner Goldschmied Hans Kellerthaler, der dafür jeweils 18 respektive 20 Taler veranschlagte. Sein Bruder Daniel stellte Kurfürst Johann Georg I. 1629 »3 Christkindlein von Silber getrieben für die junge Herrschaft zum Hl. Christ« zu einem deutlich günstigeren Preis in Rechnung. So sollten alle drei zusammen lediglich 24 Taler kosten. Die Figürchen werden auch in den Geschenklisten genannt und waren für die kurfürstlichen Kinder Moritz, Maria Elisabeth und Magdalena Sibylla bestimmt. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die beiden noch erhaltenen Bornkinnel zu dem ursprünglich dreiteiligen, für das Weihnachtsfest 1628 geschaffenen Konvolut gehörten.5 Die identische Ausformung mit den etwas grobporigen Oberflächen, etlichen Gusslöchern und teilweiser Lunkerbildung (besonders bei IV 194) sowie die schematischen Schmuckelemente sprechen für eine relativ günstige, serienmäßige Herstellung in Gusstechnik. In den frühneuzeitlichen Quellen und selbst in den Inventaren des 19. Jahrhunderts wird die Fertigungstechnik der 1628 geschenkten Figürchen immer als »getrieben« angegeben. Warum selbst in den Belegzetteln diese falsche Angabe gemacht wurde, wirft natürlich einige Fragen auf. War es ein Versehen, oder wollte der Goldschmied durch die Angabe des aufwendigeren Treibens einen höheren Preis erzielen? Wie aus den Quellen ersichtlich ist, war die Goldschmiedefamilie Kellerthaler wohl Hauptlieferant solcher Weihnachtsgeschenke in Gestalt kleiner Christusfiguren. Hans und Daniel fertigten diese je nach Bedarf in unterschiedlichen Qualitätsstandards. Die Zuschreibung an Daniel kann auch in stilistischer Hinsicht gestützt werden.6 Die Putten auf einem Kunstschrank von Hans Kellerthaler (Abb. 2) unterscheiden sich im Gesichtsausdruck und Haartracht signifikant von denen, die sein Bruder Daniel fertigte und die den Bornkinneln deutlich näher stehen. Neben der Bekrönungsfigur auf dem (verloren gegangenen) Deckel einer Taufkanne7 (Abb. 2, S. 404) können hier zudem die Putten auf dem MarsyasBecken (Abb. S. 764 f. und Kat.-Nr. 175) genannt werden, die ein gleichermaßen pausbäckiges Gesicht, pummeligen Körperbau und die charakteristischen Locken mit Stirntolle aufweisen. Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Im Journal des Grünen Gewölbes ist 1765 vermerkt, dass die Holzsockel der beiden Statuetten zerbrochen und deshalb zur Reparatur gegeben worden seien.8 1864 wurden die Postamente abermals erneuert.9 1997 erfuhren beide Objekte für die Ausstellung Unter einer Krone eine Restaurierung.10 Von den Silberbeschlägen auf dem Holzpodest haben sich im Lauf der Zeit einige gelöst, so zwei Blütchen bei IV 266 und zwei der stilisierten floralen Ornamente auf der untersten Profilleiste. TW Abb. 2 Statuette eines Puttos auf einem Kunstkammerschrank Hans Kellerthaler, Dresden, 1585–1611 Ebenholz, Silber, vergoldet, H 92, B 83,6 cm, T 76,6 cm SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. I 20

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