980 | Silberplastik Zuschreibung, Datierung und Vergleichsstücke Aufgrund fehlender distinktiver Gestaltungselemente ist die kleine Silberstatuette nicht eindeutig einem bestimmten Meister zuzuschreiben. Zu diesem Eindruck tragen auch der etwas verwaschene Guss und die damit einhergehende weiche Modellierung bei. Analogien finden sich zu Figürchen, die nicht als autonome Kunstwerke geschaffen wurden, sondern funktionaler Teil eines Silberobjekts oder in ein größeres ikonografisches Programm eingebunden sind, so etwa als Schaftfiguren oder als Aufsätze bei Silbermöbeln wie im Werk des Augsburger Goldschmieds Abraham I Drentwett.1 Diese Güsse weisen zudem eine vergleichbare weiche Modellierung der Kleidung und summarisch gezeichnete Gesichtszüge auf. In deutlich kleinerem Maßstab bevölkern sie mit eher dekorativem Charakter Uhrengehäuse (siehe Kat.-Nr. 252), Kabinettschränke, Hausaltäre oder Reliquienschreine. Im breit gefächerten Œuvre des ebenfalls in Augsburg tätigen Goldschmieds Matthäus Walbaum findet sich etwa üppig eingesetzter Figurenschmuck, der durchaus Ähnlichkeiten zur vorliegenden Statue aufweist, aber insgesamt detailreicher ausfällt. Walbaum war ein angesehener und vielbeschäftigter Meister. Er arbeitete von 1610 bis 1617 auch am Pommerschen Kunstschranks mit und starb 1632.2 Die recht schematischen Darstellungen in Tiefschnittemail auf den Silberplaketten versuchen, Emailarbeiten des Augsburger Meisters David Altenstetter3 zu imitieren, erreichen aber nicht deren Virtuosität und Qualität. Der Goldschmied und der Emailleur – es könnte sich auch um ein- und dieselbe Person handeln – orientierten sich offensichtlich an den höchsten Qualitätsstandards in der Goldschmiedemetropole Augsburg, schufen aber deutlich kostengünstigere Ausführungen für eine andere Klientel. Gebrauch Es ist durchaus vorstellbar, dass die Allegorie des Herbstes ursprünglich aus einem Jahreszeitenzyklus stammt, der als mehrteiliger Tafelaufsatz gedient hat.4 So sind im Silberinventar von 1723 »vier auf antique Art gekleidete Statuen«5 (siehe Kat.-Nr. 226) verzeichnet, die antike Götter versinnbildlichten, allerdings deutlich größer waren. Dazu kamen im Inventar des Weißsilberzimmers noch drei weitere Götterstatuen (Kat.-Nrn. 226– 228). Die kleine Figur könnte aber ebenso von Anfang an als singuläre Statuette vorgesehen gewesen sein, so wie sie im Pretioseninventar von 1725 verzeichnet ist. Ikonografie und Vorlagen Die Statue wird in den frühen Inventaren nicht genauer benannt und später als Bacchus respektive Flora bezeichnet. Das androgyne Gesicht, die Frisur sowie die Kleidung geben auf den ersten Blick keine eindeutigen Rückschlüsse auf das Geschlecht der Figur. Sie ist in Kleidung, Haltung und Attributen antik aufgefasst, was auch in den Inventareinträgen zum Ausdruck kommt (»eine antique silberne Statue«). Ein direktes antikes Vorbild als Dionysos/Bacchus lässt sich nicht ausmachen, da dieser Gott zwar oft sehr weiblich dargestellt wurde, jedoch kein weites Gewand trug, sondern lediglich einen locker um die Hüften geschwungenen Mantel oder ein Pantherfell. Erst bei genauerem Hinsehen fällt der kleine Brustansatz ins Auge und auch der für weibliche antike Statuen typische durchscheinende Nabel. Die vorliegende Statuette erinnert durchaus an römische Antinoos-Skulpturen. Der androgyne Jüngling ist in der Darstellung als Kaiserpriester in ein vergleichbar weites Gewand gehüllt und trägt ebenso einen Kranz im Haar.6 In einer anderen Form, nämlich nackt, war er als sogenannter Antinoos vom Belvedere ein beliebtes Motiv auch in der Silberplastik. Seit seiner Entdeckung 1543 diente diese Skulptur nämlich als Vorbild für zahlreiche Kleinbronzen, an denen sich wiederum die Goldschmiede orientierten,7 wie etwa die Schaftfigur eines Hans Kellner zugeschriebenen Traubenpokals mit Rothschild-Provenienz zeigt.8 Die kleine Silberstatuette des Grünen Gewölbes war also offensichtlich von antiken Vorbildern inspiriert, ohne sich eindeutig auf eine konkrete Vorlage zu beziehen. Die Früchte und Blätter in der linken Hand und auf dem Kopf sowie der weinumrankte Baumstumpf deuten auf eine Versinnbildlichung des Herbstes. Bereits im 16. Jahrhundert finden sich in der Grafik allegorische Darstellungen dieser Jahreszeit mit einer in ein üppiges Gewand gehüllten Figur, die allerdings männlich ist und keinen antiken Vorbildern folgt.9 Ihre geöffnete rechte Hand könnte darauf hinweisen, dass sie ursprünglich einen Gegenstand, ein Trinkgefäß oder eine Weintraube, hielt, der nun verloren ist. Bedeutung Silberstatuetten nach antiken Modellen oder neuzeitlichen Kleinbronzen waren in der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beliebt (Kat.-Nrn. 226–228), besonders in Form von Konvoluten, wie auch im Silberinventar von 1723 angeführt. Weiterhin ist überliefert, dass der Finanzminister König Ludwigs XIV. von Frankreich, Jean-Baptiste Colbert, bei dem Florentiner Kunstagenten Luigi Strozzi (abbé Strozzi) 1664 »statues d’argent sur le modèle de Jean Boulogne«10 bestellt hat. Und wie aus der Quelle ersichtlich wird, zielte der Geschmack des Königs nicht so sehr auf Einzelfiguren, sondern eher auf Gruppen.11 Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Zwei der ursprünglich vier transluziden Emails wurden wohl aufgrund des schlechten Erhaltungszustands schrittweise durch zwei unverzierte Silberplatten ersetzt, wie im Inventar von 1819 und 1879 nachzulesen ist. Bei dem Objekt wurden 1978 zwei Holzleisten angekittet.12 TW
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