994 | Silberplastik Zuschreibung, Datierung und Provenienz Eine Zuschreibung des weder gemarkten noch signierten Werks kann nur über Quellen oder stilistische Vergleiche erfolgen. Unter den an den Hof gelieferten Stücken dieser Art muss zunächst ein »Altahr mit Hißtorien von silber getrieben und auffs schönste von silber gezieret und mit vorgülten blechen mit historien vorfertigett« betrachtet werden, der von Hans Kellerthaler zum Jahreswechsel 1605/06 mit 175 Talern in Rechnung gestellt wurde.2 Wie aus dieser Archivalie hervorgeht, hatte Hedwig das Werk im Auftrag ihres Gemahls, Kurfürst Christians II., bei dem Goldschmied erworben. Die nähere Beschreibung lässt jedoch Zweifel aufkommen, dass es sich dabei tatsächlich um das hier vorliegende Relief handelt, denn dieses dürfte wohl kaum als Altar mit mehreren »Historien« bezeichnet worden sein und weist auch keine vergoldeten Beschläge auf. Aufschlussreich hingegen ist der Vergleich mit Werken Daniel Kellerthalers, des jüngeren Bruders von Hans. Seine 1618 datierte Taufschale für die Schlosskapelle ähnelt der Heiligen Familie in der Gestaltung der fein gestaffelten Wolken und der geflügelten Putten bzw. Puttenköpfe, die sich allerdings bei der Taufschale durch eine sorgfältigere Ausarbeitung auszeichnen (siehe Abb. 2, S. 1029). Archivalisch überliefert sind »3 silberne Täffelein von getriebener Arbeit«, die Daniel im November 1604 dem Dresdner Hof für 57 Taler in Rechnung stellte.3 Möglicherweise handelte es sich dabei um Werke, die als Geschenke an Familienmitglieder für das bevorstehende Weihnachtsfest vorgesehen waren, wie dies etwa auch für die sogenannten Bornkinnel belegt werden kann (Kat.-Nr. 224). Die Heilige Familie als Thema des Reliefs würde sehr gut in diesen Kontext passen. Auch könnte die – im Vergleich zu den gesicherten Arbeiten Kellerthalers – etwas nachlässigere Ausführung auf den Herstellungszusammenhang der recht günstig in Serie gefertigten Geschenke zurückzuführen sein.4 Folgt man dieser Hypothese, würde es sich bei dem hier vorliegenden Relief um eine der frühesten Arbeiten des noch relativ jungen Goldschmieds handeln. Vorlagen Weder für die Darstellung der Heiligen Familie noch für die Besätze mit den Tugenden konnten Vorlagen ausfindig gemacht werden, sodass Daniel Kellerthaler vermutlich selbst für die Kompositionen verantwortlich gezeichnet hat (siehe S. 105). Gebrauch und Bedeutung Erst 1640 ist das Relief im Inventar der Kunstkammer verzeichnet – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass es zunächst in privaten Räumlichkeiten zur persönlichen Andacht diente. Und tatsächlich unterscheidet es sich von den anderen, schlichter eingefassten Silberreliefs im Bestand des Grünen Gewölbes durch seine Bekrönung und die Zierelemente des Rahmens, die ihm den Charakter eines Andachtsbilds verleihen. Das Werk erinnert mit seinen schmückenden silbernen Applikationen in Gestalt figürlicher Reliefs und Ornamente an die Hausaltäre, die damals etwa in der Augsburger Werkstatt des Matthäus Walbaum unter Verwendung immer wieder ausgeformter Beschläge in großer Zahl entstanden.5 Die Reichsstadt und Goldschmiedemetropole war im letzten Viertel des 16. und ersten Viertel des 17. Jahrhunderts führend in der Fertigung derartiger Altärchen, die durchaus große Formate annehmen und mit vollplastischen Figuren ausgestattet sein konnten (vgl. auch Kat.-Nr. 241).6 Bemerkungen zu Restaurierungen Wie andere Reliefs wurde auch das vorliegende Exemplar im August 1741 einer Restaurierung bzw. Reinigung unterzogen, wie aus dem in jenem Jahr angelegten Inventar der Kunstkammer hervorgeht. Die silbernen Teile und der hölzerne Rahmen waren 1998 Gegenstand einer eingehenden Restaurierung.7 UW Literatur Haenel/Holzhausen 1937, S. 12 Anmerkungen 1 Fälschlich anstatt »111«. 2 HStADD, 10024 Geheimer Rat, Loc. 8703/14 Allerhand Rechnungen für Kurfürst Christian II., Johann Georg I. und Herzog August [von Sachsen] über von Gabriel Gipfel gelieferte Goldschmiedearbeiten, 1604–1615, fol. 343 r – 343 v. 3 HStADD, 10024 Geheimer Rat, Loc. 7339/2 Wochenzettel, Crucis 1603 – Crucis 1605, fol. 419 v. 4 Der Preis von 57 Talern klingt plausibel für die Größe des Reliefs. Für einen weitaus größeren und repräsentativeren Altar mit mehreren Silberreliefs (SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. I 18) veranschlagte Hans Kellerthaler 1608 den deutlich höheren Betrag von 300 Talern. HStADD, 10024 Geheimer Rat, Loc. 7340/2 Wochenzettel, Crucis 1607 – Crucis 1609, fol. 178 r: »507 fl. [Gulden] Johan Kellerthalern mahlern Vnndt goldtschmidt alls [...] 300 fl. [Gulden] Vor einen silbernen Altar von dergleichen [scil. getriebener] arbeit [...] zahldt den 5. Marty Anno 1608«, vgl. Kappel/Weinhold 2007, S. 101 f. 5 Zu Matthäus Walbaum und seinem Werk siehe Löwe 1975. 6 München 1994, S. 280 f. (Seelig). 7 Restaurierungsberichte, Katharina Geier (Silber) und Elisabeth Aust (Rahmen), August 1998 (AGG).
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1