Leseprobe

998 | Silberplastik heit der Beute überzeugen, sodass er schließlich versteinert. Perseus selbst schützt sich, indem er nur die Spiegelung des Medusenhaupts in Athenes glänzendem Schild anblickt, und somit der Gefahr nicht direkt ins Auge schaut. Der mit einem Harnisch bekleidete Held ist stehend von hinten gezeigt und wendet den Kopf über seine rechte Schulter, sodass er sein bärtiges Antlitz zeigt, in dem die Gesichtszüge Kurfürst Johann Georgs I. erkennbar sind. Er trägt bereits sein Schwert und die Tarnkappe in Gestalt eines opulenten, federgeschmückten Helms. Von rechts nähert sich Athene, die ihm den Schild am rechten Arm befestigt; auch sie trägt einen – gleichwohl schlichteren – Helm mit einem Lorbeerkranz und einer Löwenfigur über ihrem langen lockigen Haar. Links vorn kniet Hermes, der Perseus die Flügelschuhe anzieht. Seinen Schlangenstab, den Caduceus, hat der mit dem Flügelhelm ausgestattete Götterbote vor sich auf dem Boden abgelegt. In der rechten unteren Ecke des Reliefs kauert ein Putto mit einem Speer in der Hand, während im Hintergrund eine Landschaft mit knorrigen Bäumen und bewachsenen Felsen erkennbar ist. Auf einer Anhöhe rechts hinten lagern drei Nymphen, begleitet von einem Flussgott. Zwischen den Baumstämmen ganz links und dem Kopf des Perseus sind bei genauerer Betrachtung in der Ferne zwei weibliche Gestalten zu sehen, von denen die eine einen Krug auf dem Kopf trägt. Am unteren Rand des Reliefs findet sich die lateinische Inschrift »ECCE DVCEM DIVI DIVIS QVI / MILITAT ARMANT«. Vergleichsstücke und Vorlagen Das Silberrelief basiert auf einem bereits 1604 entstandenen Kupferstich des niederländischen Malers und Kupferstechers Jan Harmensz. Muller nach einer Vorlage des rudolfinischen Hofmalers Bartholomäus Spranger, die allerdings nicht überliefert ist (Abb. 1).2 Dattler folgte der Vorlage recht genau, verzichtete jedoch auf die Wiedergabe der Figurengruppe im Hintergrund rechts. Zudem vereinfachte er die Darstellung des Schildes, der in Mullers Blatt durchscheinend gezeigt wird – ein Effekt, der im Medium des Reliefs kaum umsetzbar ist. Dem Kupferstich wurden in der Vergangenheit unterschiedliche Deutungsebenen zugewiesen. Konečný hebt den »opernhaften Pomp« der Darstellung hervor, »ihre gespreizte und manierierte Eleganz, die fast den Eindruck einer höfischen Theater- oder Ballettaufführung macht«.3 Müller sieht gar in der Figur des Perseus »keinen mutigen Helden, sondern einen Gecken, der darum bemüht ist, sein Schwert angemessen zur Geltung zu bringen«.4 Die Widmung des Stichs an den Amsterdamer Humanisten Hendrick L. Spieghel und der lateinische Text, der die dargestellte Begebenheit auf spezifische Weise hinterfragt, führen ihn schließlich dazu, das Blatt als eine anspielungsreiche Allegorie der bildenden Kunst zu interpretieren, die über wahre und falsche Imitatio reflektiert.5 In diesem Zusammenhang verweist er insbesondere auf den in raffinierter Art durchsichtig wiedergegebenen Schild (eine Anspielung auf die Malerei, niederländisch »schilder«) und den aus dem Bild herauszeigenden Finger Minervas, ein Hinweis auf einen in Richtung der Betrachter zu denkenden Spiegel (in Bezug auf den gleichnamigen Humanisten) – beides Details, die im Silberrelief nicht umgesetzt sind. Auch wenn Dattler formal sehr nah an der Vorlage bleibt, greift er deren an die Person des Humanisten Spieghel adressierte allegorische Vielschichtigkeit nicht auf. Indem er den antiken Helden mit Johann Georg I. gleichsetzt, weist er seiner Darstellung eine andere Bedeutungsebene zu. Die von ihm zitierte lateinische Inschrift zielt ganz klar auf den hervorgehobenen, gottgleichen Status des Kurfürsten ab, der die mächtigen Götter auf seiner Seite weiß und damit – dem Perseus gleich – selbst mächtige Feinde bezwingen wird. Abb. 1 Perseus von Minerva und Merkur gerüstet Jan Muller nach Bartholomäus Spranger, 1604 Kupferstich, H 56,4 cm, B 39,8 cm New York, Metropolitan Museum of Art, The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1955, Inv.-Nr. 55.503.10

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