Leseprobe

Reliefs | 999 Darüber hinaus könnte noch eine weitere Aussage impliziert sein: Indem die Gestalt des Perseus in den Schriften der Renaissance als ratio animae nostrae prudentia der Medusa als meretrix vel naturalis libido & voluptas gegenübergestellt wird, kann das Motiv auch als Allegorie des Sieges des menschlichen Verstands über die Laster der Wollust und der Triebhaftigkeit gelesen werden.6 In der kunstwissenschaftlichen Forschung wurde das Silberrelief bislang mit der Erwerbung der aufständischen Ober- und Niederlausitz für den Kaiser durch Johann Georg I. im Jahr 1620 in Verbindung gebracht und als Dokument des ersten kursächsischen Sieges zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges gewertet.7 Ob Dattler allerdings tatsächlich einen solchen Bezug zu diesem konkreten historischen Ereignis intendiert hat, bleibt fraglich, da diese Lesart weder bildlich noch inschriftlich gestützt wird. Zudem thematisiert das Relief keinen Sieg, sondern schildert einen Aufbruch in den – wie der gebildete Betrachter weiß – siegreichen Kampf. Provenienz und Bedeutung Natürlich ist davon auszugehen, dass auch Sebastian Dattler über die Geschehnisse im Jahr 1620 informiert war. So könnten die kursächsischen Erfolge ihn womöglich motiviert haben, nach Sachsen umzusiedeln, um dem als »Friedensfürst und Beschützer des rechten Glaubens«8 auftretenden Johann Georg I. seine Künste als Goldschmied anzubieten. Zwar bleiben die Entstehungsumstände des Reliefs im Dunkeln, doch wäre es naheliegend, dass sich Dattler mit diesem überaus schmeichelhaften Werk am Dresdner Hof einführen wollte. Er bediente sich dabei ganz bewusst der Bildsprache der rudolfinischen Kunst. Diese war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aktuell, stand aber für die traditionsreiche Verbindung zwischen dem Kaiser und seinem engen Verbündeten Sachsen zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die in der Dresdner Kunstkammer viele Spuren hinterlassen hat.9 Nur zwei Jahre später erfolgte Dattlers Bestallung zum Hofgoldschmied. Wie die sechs Reliefs von Sebastian Dattler in kurfürstlichen Besitz gelangten, ist heute nicht volet.« (Was bedeutet der Perseus hier? Was soll Merkur aus Cyllene? Er fügt ihm ein Flügelpaar an die Füße und gürtet ihn mit einem Schwert. Was soll Pallas Athene? Sie gibt ihm ein einziges Geschenk. Was denn? Die Aegis, ihren Schild. Wozu? Damit er schnell zur Gorgo fliegen kann); zit. nach: Hamburg 2002, S. 60. 6 Wien 1988/89, S. 422. 7 Erstmals Holzhausen 1966, S. LV; Syndram 2005 b, S. 67; Weinhold 2012, S. 77. 8 Syndram 2021 b, S. 41. 9 Weinhold 2012, S. 77. 10 Laut der Bestandskartei vor 1945 (SKD, Archiv Rüstkammer) erfolgte die Übertragung der Reliefs an das Grüne Gewölbe erst im Februar 1914 (dort Nrn. H 117, H 118, H 120, H 121, H 122). 11 Restaurierungsberichte, Christine Wendt, April 1973, und Elisabeth Aust, Juni 1994 (AGG). mehr nachvollziehbar (Kat.-Nrn. 230–234). Das Inventar der Kunstkammer von 1640 verzeichnet die gesamte Gruppe im sechsten Zimmer (mit Ausnahme von Kat.-Nr. 235). Mit der Auflösung dieser Institution im Jahr 1832 gelangte das fünfteilige Konvolut in die Rüstkammer, von wo es 191310 an das Grüne Gewölbe ging. Bemerkungen zu Restaurierungen und zur Erhaltung Das Silberrelief ist an mehreren Stellen gerissen bzw. durchgestoßen. 1973 wurde das Relief, 1994 der Holzrahmen einer Restaurierung unterzogen.11 UW Literatur Ehrenthal 1897, S. 32; Sponsel 1921, S. 7; R3, Nrn. 1750 a – f (summarischer Eintrag); Haenel/ Holzhausen 1937, S. 12; Więcek 1962, S. 94, Nr. A 2, Taf. I; Holzhausen 1966, S. LV, Nr. 49; Syndram 2005 b, S. 66; Kappel/Weinhold 2007, S. 106; Syndram/Minning 2010, Bd. III (1640), Abb. 63; Weinhold 2012, S. 76 f., Abb. 10; Marx/Plaßmeyer 2014, S. 589, Nr. 2126; Glass 2016, S. 36–43; Syndram 2021 a, S. 162 f.; Syndram 2021 b, S. 37, 39, Abb. 9; Syndram 2021 c, S. 270, Abb. 4 Anmerkungen 1 Da die Geschichte dem griechischen Mythos entstammt, werden hier die griechischen Bezeichnungen der Götter verwendet, wenngleich teilweise in der Literatur und auch in den Inventaren von Merkur oder Minerva die Rede ist. 2 Wien 1988/89, S. 422 f., Nr. 315. In der kaiserlichen Sammlung in Prag sind drei – heute nicht mehr erhaltene – Gemälde Sprangers mit Perseus-Motiven nachweisbar. Keines davon zeigte allerdings das hier vorliegende Thema. Dies führt Müller zu der Annahme, dass dem Kupferstich eine Zeichnung Sprangers zugrunde liegt, Müller 2012, S. 163. 3 Wien 1988/89, S. 422. 4 Müller 2012, S. 163; Hamburg 2002, S. 60. 5 »Quid sibi vult Perseus? Sibi quid Cyllenius? Addit / Alarum pedibus par, tegit ense latus. / Dia quid hic Pallas? Dat munera singula. Quaenam? / Aegida. Quid? celer ad Gorgonis ora

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