Leseprobe

768 | ������������������������������������������������ grund befindet sich links eine Gruppe von fünf miteinander verhandelnden Kriegern in antikisierenden Rüstungen: Der Vordere, aufrecht auf eine die Bildmitte markierende Lanze gestützt, mit auffälligem Brustharnisch, Beinschienen und drachenköpfigem Helm, wendet sich drei bärtigen Männern mit Turbanschneckenhelmen zu, die diese als Osmanen ausweisen. Als fünfte Gestalt ist am äußeren linken Rand, seitlich von einem godronierten Rundschild geschützt, ein christlicher Würdenträger der römischen Kurie mit Kardinalshut und Pagenschnitt auszumachen. Rechter Hand befinden sich zwei Kanonen samt Zubehör, während dahinter weitere Krieger nahe der Festung beisammenstehen, die gerade über Leitern eingenommen wird. Vom Dach des Gebäudes wird eine Gestalt rücklings hinunter in den Burggraben geworfen. Das auf der gegenüberliegenden Seite der Henkelflasche befindliche Rundrelief zeigt eine auf einem Pferd nach rechts davongaloppierende bäuerliche Gestalt, die, begleitet von einem Hund, einen verwundeten oder leblosen bärtigen Krieger vor sich zwischen den Zügeln haltend, vom Kampfschauplatz bringt (Abb. 1). Der herabgefallene Turban des Geschlagenen, aufgrund der markanten Beinschienen als der zentrale, aufrecht stehende Krieger des umseitigen Reliefs zu identifizieren, ist hinter dem Schwanz des Hundes unter dem Bauch des Pferdes erkennbar. Weitere Krieger erscheinen, mit Speeren bewaffnet, links im Hintergrund vor einem Zeltlager sowie rechts im Bild, wo einige von ihnen aus einem Tor der Festung ins Freie treten. Über die seitliche Wandung der Flasche zieht sich ein Band großer Akanthusblätter. Ein Zahnschnitt entsprechend der Fußzarge markiert den Ansatz des langgezogenen Halses, der ein ziseliertes Ornament, bestehend aus Lanzettblättern, Widderschädeln, Schilden, kleinen Delfinen und Ranken, aufweist. Weitere Blattmotive schmücken die kalottenförmige Wölbung des mit einem Scharnier befestigten und von einem Perlstab gerahmten Deckels. In seiner Mitte befindet sich, gerahmt von einem verschlungenen Band, ein Medaillon mit einem weiblichen Profilkopf in einem Lorbeerkranz. Auf der Gefäßschulter sitzt links und rechts jeweils eine vollplastisch gearbeitete Schildkröte mit auf ihr hockendem und sich an den Flaschenhals lehnendem, geflügeltem Putto. Die Tiere bilden den Ansatz des beweglichen Bügels, der sich aus gegeneinandergestellten, S- und C-förmig geschwungenen und mit Bändern umwickelten Delfinen zusammensetzt. Zentral über den Rundreliefs ist zwischen den Schildkröten auf der Vorder- und Rückseite der Flasche eine Kapsel mit einem kursächsischen Wappenschild angebracht. Ikonografie und Vorlagen Bei der Szenerie könnte es sich um die Belagerung und Eroberung von Konstantinopel 1453 handeln, welche das Ende des Oströmischen Reichs besiegelte. Die beiden Kanonen auf dem Rundrelief der Vorderseite rechts unten wären demnach die des legendären Waffenmeisters Urban. Der aufrechte Krieger mit der Lanze im Vordergrund wäre Kaiser Konstantin XI., der die byzantinische Hauptstadt gegen die Osmanen verteidigen sollte und dabei den Tod fand. Dies zeigte dann die Szene auf der Rückseite der Henkelflasche. Wahrscheinlicher ist allerdings – da ein christlicher Goldschmied sicher nicht den dammbruchartigen Sieg der Türken und den Auftakt einer zwei Jahrhunderte währenden Bedrohung des christlichen Abendlands thematisiert hätte –, dass vielmehr Szenen der erfolgreich abgewehrten osmanischen Belagerung der Festung Belgrad 1456 dargestellt sind. Die christliche Stadt konnte verteidigt und die Türkengefahr für 70 Jahre gebannt werden. Auf dem vorderseitigen Rundrelief, im Bildvordergrund stehend, wäre demnach der durch seinen Turbanschneckenhelm als Osmane charakterisierte Angreifer, Mehmet II., dargestellt. Bei dem Mann mit dem Kardinalshut könnte der zu jener Zeit bekannte Franziskaner, Wanderprediger, Inquisitor und christliche Heerführer in den Türkenkriegen Giovanni da Capistrano gemeint sein. Auf der Rückseite der Henkelflasche wäre der turbanlose und auf einem Pferd davongeschaffte Krieger als der besiegte und verwundete Sultan Mehmet II. zu deuten (Abb. 1). Bauern, wie der dargestellte Reiter, sind im christlichen Lager des ungarischen Heerführers Johann Hunyadi bezeugt. Die historisch überlieferten Personen und Vorgänge der Belagerung passen zu beiden Darstellungen. Direkte grafische Vorlagen für die beiden Rundreliefs ließen sich bislang nicht ausmachen. Dass es sich um die Belagerung einer befestigten Stadt und Szenen aus den Türkenkriegen in Ungarn des 15. Jahrhunderts handelt, legen die dargestellte Stadtsilhouette und die fantasievollen Turbanschneckenhelme einiger Krieger nahe. Einzelne Versatzstücke, wie die beiden Kanonen am unteren rechten Rand der Belagerungsszene oder das Zeltlager am linken Rand der Fluchtszene, finden sich auf einem 1522 datierten Holzschnitt von Hans Sebald Beham zur Belagerung der Insel und Stadt Rhodos durch die Osmanen.2 Zuschreibung und Vergleichsstücke Die fehlenden Marken und die ungewöhnliche Form der Henkelflasche erschweren die Zuschreibung und führten in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Meinungen über den Herstellungsort. Erste Versuche einer Zuschreibung erfolgten durch Seidlitz und Haenel in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Beide gingen von einer Entstehung in der Goldschmiedemetropole Nürnberg aus,3 ein Ansatz, dem später ähnlich auch Hernmarck folgte (Süddeutschland).4 Menzhausen sah die Ähnlichkeiten zu Nürnberger Werken eher im Zeitstil begründet und verwies – im Vergleich zur Perlmuttergarnitur (Kat.-Nr. 168) – auf den weniger einheitlichen Ornamentstil der Flasche, die sowohl italienische als auch süddeutsche Elemente zeigt.5 Mit Verweis auf eine dem gleichen Typus folgende Flasche im EsterházySchlossmuseum, Fertöd, die in ihren Ausmaßen vergleichbar, aber deutlich früher entstanden ist,6 schlägt er eine Entstehung im österreichischungarischen Raum vor (Abb. 2). Doch auch für dieses Stück wird eine Herkunft aus Nürnberg, zu dem Ungarn seit jeher in enger Beziehung stand, nicht ausgeschlossen.7 Eine Inschrift auf dem erhaltenen originalen Etui der Budapester Flasche könnte darauf hindeuten, dass sie anlässlich der Vermählung des ungarischen Grafen Imre Forgách mit der sächsischen Herzogin Katharina Sidonie 1585 zusammen mit deren Aussteuer auf die Burg von Trentschin gelangt sein könnte und möglicherweise aus der sächsischen Schatzkammer stammt.8 Eine Zuschreibung wird dadurch erschwert, dass kaum Informationen und gemarkte Objekte ungarischer Goldschmiede

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