Katalog
56 Die Ausführung des Hallenumgangschores steht den vorangegangenen Bauetappen qualitativ in nichts nach. Das zeigt nicht nur der sorgfältig ausgeführte Granitsockel. Auf den Innenseiten sitzen die Fensteröffnungen in mehrfach gestuften Wandblenden. Die Runddienste der Pfeiler enden in Kopfonsolen, die größtenteils in Sandstein gearbeitet sind. Obwohl sie von unterschiedlichen Hän- den stammen, dürften sie aufgrund der übereinstimmenden Profilanschlüsse vor Ort gefertigt worden sein (Abb. 6, Kat.-Nr. 13). Der Chor erhielt eine Innenraumfassung, bei der die Rundstabprofile der Kanten, Stufungen und Dienste verschiedenfarbig hervorgehoben waren und einen farbigen Rahmen für die Glasmalereiprogramme der Fenster bildeten (Kat.-Nr. 183–185). 17 Der kurz darauf begonnene Anbau der polygonalen nördlichen Vorhalle bringt trotz einiger Über- einstimmungen eine architektonische Zäsur mit sich. 18 So tritt nun erstmals Sandstein auch bei der Gestaltung des Außenbaus der Marienkirche in Erscheinung. Neben dem Sockel führte man mit diesem Material ein für die Mark Brandenburg ungewöhnlich reiches figürliches Portalprogramm aus (s. Abb. S. 61, 327 und Kat.-Nr. 186). 19 Der Mauerverband, die im Ornament versetzten glasierten Backsteine sowie das 1945 zerstörte und nach 1979 rekonstruierte Gewölbe dieses Anbaus bedienen sich bautechnischer Innovationen aus dem Ordensland. Bereits der Chronist Johann Christoph Bec- man ordnete die drei Wappenmedaillons über dem Portal Kaiser Karl IV. oder einem seiner Söhne zu. 20 1912 waren an einem der Medaillons noch Spuren der gemalten Jahreszahl 1376 zu erkennen. 21 Auch wenn diese Jahreszahl nicht als mittelalterlich gesichert ist, weisen die bauhistorischen Befunde auf einen programmatischen Umbau der Vorhalle im Jahr 1373, die zu diesem Zeitpunkt bereits im Rohbau vorhanden war (Abb. 7). Demnach könnten ihre Einwölbung und Ausmalung 1376 abge- schlossen gewesen sein. 22 Der Zugang des gewölbten Untergeschosses führte direkt vor den Standort des anzunehmenden Querhausaltares. Der Überlieferung Nicolaus Teymlers von 1516 zufolge wurden im Untergeschoss die Weinvorräte aufbewahrt. 23 Die Architektur und Ikonografie des Portalprogramms einschließlich des dazugehörigen Opferstocks, die figürliche Ausmalung sowie das spätgotische Tabernakel legen nahe, dass der Bau auch als Kapelle diente. 24 Sie setzte im städtebaulichen Beziehungsgefüge prägende Akzente, da sie sich direkt in einer Rathaus und Kirche verbindenden Wegachse befand. 25 Daher widmete man sich wohl auch imWei- teren erst einmal der zumMarkt und zur Stadt gerichteten nördlichen Schaufassade der Marienkirche. Hierbei ging es auch um die Vergrößerung des von den Laien genutzten Kirchenraumes, denn das Langhaus erhielt ein zusätzliches nördliches Seitenschiff, das ältere Kapellenanbauten ersetzte. Es wird durch weite Fensteröffnungen beleuchtet. Höhepunkt der Gestaltung ist der zweigeschossige schild- artige Giebel. 26 Die Reihung der krabbenbesetztenWimperge, die von schlanken Fialen flankiert und durch kräftige, aus den Strebepfeilern erwachsende turmartige Aufsätze gerahmt werden, rezipieren mehr noch als der nördliche Querhausgiebel Vorbilder einer traditionellen höfischen gotischen Back- steinarchitektur, wie sie zuvor im Zisterzienserkloster Chorin zur Blüte gelangte. Dagegen bezieht sich die zweigeschossige Reihung der mit Kreuzstock versehenen Fensterblenden auf Motive reprä- sentativer westeuropäischer Profanarchitektur, wie sie im späten 14. Jahrhundert erstmals am Hoch- meisterpalast der Marienburg im Material Backstein umgesetzt wurden. Abb. 6 St. Marien , Kopfkonsole aus dem Chor, um 1360 Abb. 7 St. Marien , Portal der Nordvorhalle als Baualters kartierung; Befundung: D. Schumann, Digitalisierung: K. Frischke um 1370–1373 um 1373 2. Hälfte 20. Jh. ohne Zuordnung
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