Katalog
60 MARIA DEITERS Kirche, Stadt und Kaiser. Die Ausstattung der Frankfurter Marienkirche in Spätmittelalter und Reformationszeit 1506 beschrieb der Humanist Vigilantius Axungia Frankfurt und die Marienkirche mit reichen Wor- ten. Seine Beschreibung ist ein interessantes Zeugnis für die Wahrnehmung des Kirchenraumes und seiner Ausstattung, in denen sich für die Zeitgenossen die Bedeutung eines Gemeinwesens ebenso spiegelte wie das städtische Leben. BÜRGER UND REICH – DAS NORDPORTAL UND DIE BRONZEKUNSTWERKE Vigilantius erlebte die Marienkirche auf dem Höhepunkt ihrer mittelalterlichen Pracht, die »nicht wenige zu ihrer Bewunderung« anzog, dabei eine Taufe, »schimmernd von ungarischem Gold« und ein Leuchter, »vor demHochaltar aufgestellt«, der demjenigen im Tempel Salomons »an Material und Kunstfertigkeit wenigstens gleichkommt«. 1 Taufe und Leuchter gehören zu einer umfangreichen Bau- und Ausstattungskampagne, die um 1352 mit der Errichtung des Hallenumgangschores begann und von zahlreichen Altarstiftungen der Frankfurter Bürgerschaft begleitet wurde. 2 Von der baugebun denen Skulptur dieses großzügigen Chores haben sich mehrere teilweise lebensgroße Kopfonsolen erhalten, die an Qualität der sehr modernen Architektur in nichts nachstehen (Kat.-Nr. 13). Überlie- fert geblieben ist außerdem ein bedeutender Glasmalereibestand (Kat.-Nr. 183–185). 3 In engem Zusammenhang mit dem Chorneubau steht die Nordkapelle mit ihrem prominenten, in der Achse auf das Rathaus hin ausgerichteten Portal (Abb. 1; Kat.-Nr. 185). Es zeigt die Wappen der Mark Brandenburg, des Königreichs Böhmen und den Reichsadler und weist so auf Kaiser Karl IV., der 1373 nach langem Ringen mit den Markgrafen aus dem Hause Wittelsbach die Mark erwerben konnte. 4 Ein herber Schlag für Frankfurt, denn die Stadt war den Wittelsbachern treu ergeben gewe- sen. Das heraldische Programm und die Dreikönigsgruppe, die zu den klassischen Triumphmotiven für Herrscherportale gehört, 5 stellen unverkennbar den neuen Landesherrn in denMittelpunkt. Schon früher ist beobachtet worden, dass das Portal nicht aus einem Guss, sondern Produkt einer Umpla- nung ist. 6 Mit der Planänderung verknüpfen sich einige Fragen, die im Folgenden genauer untersucht werden sollen. Jüngste bauhistorische Untersuchungen haben bestätigt, dass die Nordkapelle und Teile des Portals – so die Figuren in den Archivolten oder die Konsolen der Figuren – einer früheren Phase angehören, während die landesherrlichen Wappen, die Figuren der Verkündigung und der Heiligen Drei Könige mit der zentralen Madonna sowie die Wappen der Frankfurter Familien in den Strebepfeilern etwas später entstanden sind (Abb. 7, S. 56). 7 Auch stilistisch gibt es Unterschiede – so sind die Archivolten- figuren differenzierter ausgearbeitet und expressiver. Für diese wurden, ähnlich wie für die Skulpturen des unter der wittelsbachischen Herrschaft entstandenen Chors, Vorbilder aus der Hofunst Kaiser Ludwigs des Bayern vermutet, während die späteren Skulpturen, und hier besonders die Madonna, mit der Prager Kunst unter Karl IV. in Verbindung gebracht wurden. 8 So schien sich die politische Zäsur deutlich in einem Wechsel der künstlerischen Ausrichtung zu spiegeln und mindestens eine symbolische Orientierung an der Prager Hofunst, wenn nicht gar eine Auftraggeberschaft Karls für diese Ausstattungsphase des Portals nahezulegen. Abb. 1 ® Frankfurt (Oder), St. Marien , Portal der Nordvorhalle, um 1370/1376
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