Leseprobe

H e r zog t um Me ck l enburg -S chwe r i n | Unb e s t i mmt e s  2 4 1 195 ME CK L ENBURG - S CHWE R I N UNB E S T I MMT Grundriss eines Baldachinaltars mit vier Säulen 1. Hälfte 18. Jh. Graphit, Feder in Schwarz; dunkelgrau laviert 26,8× 19,8 cm · Vergépapier Wasserzeichen: nicht bestimmbar Maßstab unbezeichnet Inv.-Nr.: Slg. 03 Plan 358 Der auf dem Recto gezeichnete schmale, mit sie- ben Leuchtern besetzte Altar steht über einem siebenstufigen quadratischen Unterbau, der von vier auf einem kreisrunden, dreistufigen Podium aufsetzenden Säulen umgeben ist. Sigrid Punti- gam fand unter den Blättern des Schweriner Kup- ferstichkabinetts den passenden Aufriss (Abb. 1). Dieses Blatt zeigt vier Schraubensäulen, auf de­ ren Gebälk girlandentragende Engel sitzen, die eine Krone halten, über der im Strahlenkranz ein Kreuz und in einem Dreieck die hebräischen Buchstaben »JHWH« erscheinen. Es könnte sich umeine ephemere Festarchitektur –wahrschein- lich immecklenburgischen Kontext – handeln. Die Schraubensäulen sind, der Legende nach, den Säulen imTempel Salomons in Jerusa- lemnachgebildet. 1 Obwohl für eine protestanti- sche Kirche gedacht, ist damit ein künstlerischer Bezug zu Berninis Baldachinaltar in St. Peter in Rom gegeben. Dieses Vorbild war so stark und prägend, dass es sich auch konfessionsübergrei- fend verbreitete. EK 1  Preimesberger 2014, S. 348–350. 195 verso ME CK L ENBURG - S CHWE R I N UNB E S T I MMT Teekanne und geometrische Grundformen Friedrich von Mecklenburg-Schwerin 1760/65 Graphit, Feder in Schwarz, grau laviert Die Rückseite des Blattes steht thematisch nicht in inhaltlichem Zusammenhang mit der Vorder- seite. Sie zeigt am oberen Blattrand zwei Grup- pen mit in Feder ausgeführten geometrischen Grundformen, die an Vorbilder auf Zeichenlehr- blättern erinnern. Die erste mit Kreis, Quadrat und Raute wird imweiteren Verlauf mit Binnen- zeichnungen für Konstruktionen und Berech- nungen versehen, ein Kreis umfasst ein einge- zeichnetes Sechseck. Die zweite Gruppe reiht ein Sechseck an einen Kreis auf einer Grundlinie, über den noch der Konstruktionsansatz zu ei­ nem gleichseitigen Dreieck gelegt wurde, und endet mit einem Kreis. Das Hauptmotiv der Seite, eine Teekanne in Graphit, weist durch die mehrfachen unsicheren, zaghaften Strichlagen auf einen Laien als Zeichner. Die Darstellung gehört zu einer Gruppe von Zeichnungen im »Mecklenburgischen Plan- schatz«, die sich auf den Rückseiten von thema- tisch zumeist ganz anders ausgerichteten Blät- tern befinden (vgl. Kat.-Nr. 154, 399, 206, 138, 5, 481, 59, 43). Auch einige Blätter im Schweriner Kupferstichkabinett und im LHAS weisen dieses Merkmal auf. 1 Zum einen deutet dies auf die ökonomische Mehrfachverwendung von teu- rem Papier, zum anderen aber auch darauf, dass der Zweitnutzer über diese Blätter uneinge- schränkt verfügen konnte. Insofern verweist so- wohl der laienhafte Zeichenstil als auch der Be- sitzgestus auf Herzog Friedrich als Autor. Ein- zelne der Skizzen zeigen aber ebenso inhaltliche Zusammenhänge mit dem eigentlichen Thema auf der Vorderseite der Blätter, sodass an diesen Beispielen der direkte Austausch zwischen Ar­ chitekt und Auftraggeber besonders anschau- lich fassbar wird. SP 1  SSGK, SMS, 473 Hz v, 478 Hz v, 2025 Hz v, 2026 Hz v. – Vgl. dazu den Beitrag von Sigrid Puntigam im Essayband, S. 318, 339. 195 verso

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