Leseprobe

3 8 6  To p ogr a ph i e Marmor ausgelegt sind: zunächst ein schmaler Raum von rechteckigem Grundriss mit einem Bassin, dessen sprudelnde Quelle detailliert wie- dergegeben ist; dieWände sind bis über die Erd- geschossfensterzone hinaus mit einer umlau- fenden Dekoration figürlich oder ornamental gemusterter Fliesen versehen. Ein zweigeschos- siger, von einem geschweiften Mansarddach überfangener Kuppelraum über kreisrundem Grundriss im Kopfpavillon ist nach Süden zum Kanal hin in einer großen Fenstertür geöffnet. Dieser Kuppelsaal ist mit Vorrichtungen zur Prä- sentation und Kühlung vonMilchprodukten aus- gestattet: Wandbrunnen und Marmorbuffets sowie ein von fließendem Wasser umspülter Marmortisch in der Raummitte. Die Laiterie wurde von 1689 bis 1694 nach dem Vorbild der Menagerie von Versailles unter der Leitung von Jules Hardouin Mansart durch die Architekten Daniel und Pierre Gittard errich- tet. 2 Sie lag am Fuße des Menageriekomplexes, nordwestlich von Schloss und Garten, jenseits des Grand Canal nahe demOrt Vineuil, und wur­ de nach 1799 zusammen mit der gesamten Me- nagerie abgerissen. Der seit den 1670er Jahren durch André Le Nôtre angelegte weitläufige Gar- ten von Chantilly wurde im Laufe des 18. Jahr- hunderts mehrfach erweitert, seit demEnde der 1760er Jahre durch einen Landschaftsgartenmit einem künstlichenWeiler (Hameau), dessen Ge- bäude durch Jean-François Leroy, seit 1768 Hof- architekt von Louis-Joseph de Bourbon-Condé, errichtet wurden. 3 Generell unterscheidet man zwischen einer Laiterie de Préparation für die Zubereitung von Milchprodukten und einer Laiterie de Propreté oder Laiterie d’Agrément, die der Darbietung und dem Verzehr dient. 4 Typologisch und funk- tional war die Laiterie häufig der Menagerie zu- geordnet. So gab es bei der Menagerie von Ver- sailles zwei Ziermolkereien (Louis Le Vau, 1662– 1664; Jules HardouinMansart, 1698), über deren Innenausstattung nichts bekannt ist. Die Laite- rie von Chantilly ist eine der frühesten und die aufwendigste dieses Bautyps. Ihr entsprach im östlichen Flügel des Gebäudes der mit Skulp­ turen der Gottheiten Isis und Apis in Kuh- und Stiergestalt ausgestattete Salon d’Isis. Das Aus- sehen der Laiterie ist in einer Zeichnung im Album du Comte du Nord überliefert (Abb. 2). Dieses Albummit Zeichnungen von Schloss und Garten von Chantilly wurde 1784 für das rus­ sische Thronfolgerpaar angefertigt, Großfürst Paul und seine württembergische Frau Maria, die die Anlage im Juni 1782 besucht hatten. 5 Die Schweriner Zeichnungen, die möglicherweise von anderen – unbekannten – Vorlagen abge- nommen sind, zeigen Abweichungen und müs- sen früher entstanden sein. Im Kuppelsaal sind die Wandfelder zwischen den Fenstern noch nicht mit Marmor verkleidet; dieWasserrinne ist nicht bis zur Südseite des Kuppelsaals durchge- zogen; pastorale Landschaftsgemälde imSpeise­ saal sind nicht wiedergegeben. Der Querschnitt Kat.-Nr. 334, der lediglich die Räume imErdgeschoss bzw. die zweigeschos- sigen Räume zeigt, nicht aber die Räume imOber- geschoss des nördlichen Gebäudeteils und die Dächer, dokumentiert offenbar die erste Aus- Kat.-Nr. 334 | Abb. 2 Chambé: »Plan et Coupes de la Laiterie de Chantilly« im Album du Comte du Nord, 1784, aquarellierte Feder- zeichnung, Chantilly, Musée Condé, 1930-1-1-PL24 Kat.-Nr. 334 | Abb. 1 Karte aus einem Cavagnole-Spiel, mit Ansichten der Menagerie von Chantilly, Nr. 113 mit einer Ansicht der Laiterie, um 1770/1780, Gouache, Chantilly, Musée Condé, DE1250

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