Leseprobe

Üb r i ge s Euro pa | Kön i gr e i ch F r ank r e i ch  3 8 7 stattung der Laiterie. Der schmale Querraum war ursprünglich mit figürlich oder ornamental bemalten Fliesen ausgestattet, die später einem durchgehenden Wandanstrich wichen. Es han- delte sich vermutlich um farbige Fliesen, wie sie beispielsweise in zwei Parkburgen imNymphen- burger Schlossgarten erhalten sind. Sowohl die Pagodenburg (Joseph Effner, 1716–1719) als auch die Küche der Amalienburg (François Cuvilliés d. Ä., 1734–1739) sind mit weiß-blauen holländi- schen Fliesen dekoriert. Seit den 1730er Jahren hatte eine Variante des pastoralen Landschaftsgartens Konjunktur, die sogenannte Ferme ornée, zu deren Fabriques häufig ein Hameaumit einer Laiterie gehörten. 6 In diesem Zusammenhang wurde die Laiterie von Chantilly zum architektonischen Vorbild mehrerer Gebäude derselben Funktion, 7 deren bedeutendste für Königin Marie-Antoinette im Hameau des Petit Trianon (Richard Mique, 1785) und in der Menagerie in Rambouillet (Jacques- Jean Thévenin und Hubert Robert, 1786–1787) errichtet wurden. 8 Die Laiterie von Chantilly ge- hörte zu den Sehenswürdigkeiten des weithin berühmten Gartens von Chantilly, der von ge- krönten Häuptern aus ganz Europa aufgesucht wurde: außer von Kaiser Joseph II. ebenso von den Königen von Dänemark und Schweden, dem russischen Thronfolgerpaar, Prinz Heinrich von Preußen und anderen mehr. 9 Auch Erbprinz Friedrich von Mecklenburg besuchte Chantilly mehrfach, 1738 und 1750. 10 IL 1  Vgl. den Beitrag von Iris Lauterbach imEssayband, S. 367, Abb. 13. 2  Dulaure 1787, Bd. 1, S. 69–71. – Promenades 1791, S. 44f. – Loisel 1912, Bd. 2, S. 196–263. – Langner 1963. – Broglie 1964, S. 104–110. – Babelon 2000, S. 68–71. 3  Promenades 1791. – Ganay 1925. – Broglie 1964. – Lau- terbach 1990. – Garnier-Pelle 2000. 4  Langner 1963. 5  Lauterbach 1990. – Babelon 2000. 6  Langner 1963. – Lauterbach 2018. 7  Le Rouge 1775–1790, Heft II, Taf. 16 (1775): vgl. Lauter- bach 1987, S. 143f. 8  Heitzmann 1990. – Maës 2016. 9  Diese Namen aufgelistet bei Dulaure 1787, Bd. 1, S. 70f. 10  LHAS, 2.12-1/7 Reisen fürstlicher Personen, Prinz Fried- rich, Nr. 297 und Nr. 304. – Korthals Altes 2004/05, S. 247. 335 MA R LY- L E - RO I Die Kaskade »Les Nappes« Jules Hardouin-Mansart (Büro) vor 1699 Feder in Schwarz; grün, braun und blau aquarelliert · 34×69 cm · Papier (aus zwei Blättern zusammengesetzt) Wasserzeichen: Wappenschild mit Krone, flankiert von zwei Schildhaltergreifen, im Kreis (auch: »Armes de Pomponne«), vgl. S. 636, Typ 39D; Wappenschild mit Krone, flankiert von zwei Schildhaltergreifen, im Kreis (auch: »Armes de Pomponne«), vgl. S. 636, Typ 39E Maßstab in Toises Inv.-Nr.: Slg. 03 Plan 124 335 verso UNB E S T I MMT Skizzen zu Kirchenbauten und Platzanlagen Jules Hardouin-Mansart (Umkreis) und Friedrich von Mecklenburg-Schwerin (?) Anfang und 2. Hälfte 18. Jh. Feder in Grau, mit späteren Überzeichnungen Bezeichnungen: o.M. Verse zum Lob eines Ge- lehrten, der mit Marcus Terentius Varro vergli- chen wird: »Varron de nostre siecle entout per- fectionné don’t le rare savoir ne se vit point borné la sage antiquité de beaucoup tu surpasse et tes doctes ecrits sont si remplys de grace quil semble q[u’] Apollon de sels extraits divers ton stile ait persemé pour charmer lunivers.« Recto: 1 Die Bassins sind zu identifizieren anhand eines Satzes Alben mit den Gartenanlagen von Marly, 2 die laut Supralibros für Ludwig XIV. be- stimmt waren, aber wohl wegen dessen Todes nicht mehr ausgeliefert wurden undmit den Be- ständen der Surintendance des Bâtiments ins französische Nationalarchiv gelangten. Zwei dieser Bände zeigen frühere, mittlerweile ver­ änderte Zustände der Gartenanlagen, darunter auch die mit dem vorliegenden Blatt überein- stimmenden »Les Napes changées en 1699«. 3 Die wegen des flächig abfallendenWassers »Les Nappes« (Tischtücher) genannte Kaskade lag am unteren Ende der Parkanlage und wurde mehrfach verändert. Obwohl die Zeichenweise engstens ver- wandt ist (vermutlich aufgrund der Herkunft aus demselben Büro), kann das Blatt wegen des ab- weichenden Formats nicht für die Alben be- stimmt gewesen sein. Es ist auch keine Aufnahme vor Ort: Der vordere (untere) Abschluss stimmt nicht mit der kantigen Form der Parkmauern überein, die bereits zumZeitpunkt der Anlage der »Nappes« 1692/1696 belegt ist, und die seitlichen Kaskaden sind nicht nachweisbar. Höchstwahr- scheinlich handelt es sich somit umein Schaublatt mit einemEntwurf von 1696, der in die Agence des Architekten Jules Hardouin-Mansart (seit 1691 Sur- intendant des Bâtiments du Roi) zurückgelangte und später vielleicht als Grundlage für die Darstel- lung der Kaskade in den Alben diente. Verso: Die Architekturskizzen, welche die sekundäre Faltung des Blattes berücksichtigen und daher nachträglich aufgetragen sein müs- sen, stammen von mindestens zwei Händen. Von der gewandten ersten rühren die schraf- fierten Architekturausschnitte links sowie die Skizzen von Kuppeln rechts her, von der unbe- holfenen zweiten (vermutlich der Hand Herzog Friedrichs) die groben Eintragungen einer Kup- pelsilhouette links und wohl das Detail eines achteckigen Grundrisses rechts. Das Gedicht scheint, der Farbe der Tinte zufolge, von der ers- ten Hand notiert zu sein. Die Partien in Blei – die gute stereotomische Skizze rechts unten und die flüchtigen Grundrissdetails links mittig – las- sen sich nicht eindeutig zuordnen. Die erste Hand kombinierte französische und italienische Architekturmotive. So erinnert die Laterne der Kuppel mit ihrem Zwiebeldach rechts unten an Filippo Juvarras Kirchenentwurf für die Accademia di San Luca von 1707; auch die Okuli über dem Hauptgesims oben rechts ge- mahnen an Juvarra. Die Füllung der Flächen zwi- schen den Kuppelrippen hingegen hat französi- sche Vorbilder, konkret die Kuppel von Saint-Louis des Invalides. Die links aufgetragenen Details – ein Stück Kirchenschiff (?), ein Stück zweige- schossige Fassade und ein Kolonnadenabschluss wohl für einen Vorplatz samt Grundriss – stehen in der Präferenz für gekoppelte freistehende Säu- len in französischer Tradition, sind in der Detail- ausbildung, der Fontäne am Ende der Kolonnade sowie dem Wappen über der Durchgangsachse aber italienisch gefärbt. Es ist kaum zu entschei- den, ob der gewiss französische Zeichner hier ita- lienische Vorlagen frei wiederholte oder ob er nicht eher einen Entwurf für einen italienischen Auftraggeber vorbereitete und dafür markante italienische Formen anverwandelte.

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