Leseprobe
11 Spaziergang imWald, ohne Datum« (Abb. 2/80) – so oder ähnlich kryptisch lauten deshalb nicht selten die Beschreibun- gen derartiger Aufnahmen. Bei Fotos, die innerhalb von Akten überliefert sind, sieht die Informationslage oft besser aus, doch fehlt dabei im Enthält- Vermerk der Archivdatenbank des Öfteren der Hinweis auf in der entsprechenden Akte enthaltene Fotografien oder auf deren Anzahl. Außerdem werden diese Aufnahmen bei der Erschließung gegenüber den »kontextlosen« Aufnahmen nach- rangig behandelt. Dementsprechend müssen für fotohisto rische Forschungen in MfS-Unterlagen Akten in großer Zahl ausgewertet werden, bevor überhaupt eine für einzelne Frage- stellungen nutzbare Quellengrundlage zusammengetragen werden kann. Die Dimensionen der Überlieferung Angesichts der schwierigen Überlieferungsbedingungen und der noch laufenden archivarischen Erschließung 27 lässt sich der genaue Umfang des erhaltenen »Bilderbergs« der Staatssicherheit allenfalls annäherungsweise bestimmen. Seit der Öffnung der Akten sind seine Größe, seine Beschaffenheit und seine Themen noch nicht umfassend vermessen worden. Allein für die Fotosammlung geht das Stasi-Unterlagen-Archiv von über 1,85 Millionen Fotodokumenten aus, von de- nen 2018 rund 79 Prozent erschlossen waren. 28 Dabei handelt es sich um Aufnahmen, die in ganz unterschiedlicher Form – also als Foto, Negativ und Dia – überliefert sind. In Darstellun- gen zur MfS-Fotografie wird nicht selten diese Fotosammlung mit dem Gesamtbestand an erhaltenen Fotografien gleich gesetzt. So spricht Karin Hartewig von »über 1,3 Millionen« 29 Aufnahmen, die im Stasi-Unterlagen-Archiv lägen – eine Zahl, die AnnetteVowinckel ebenfalls verwendet. 30 Daneben umfasst der Fotobestand aber auch Aufnahmen, die innerhalb von Akten – lose beiliegend, eingeklebt, in Umschlägen abgeheftet – und zudem in unterschiedlichen For- maten vorhanden sind. Die Trennung dieser Bilder, die in Dar- stellungen zur MfS-Fotografie meist nicht erwähnt werden, von der Fotosammlung folgt der üblichen Archivierungspraxis und ist somit allein überlieferungsgeschichtlich und keines- wegs inhaltlich bedingt – die Themen der Fotos unterscheiden sich allenfalls punktuell. Schätzungen über den Umfang dieser in Akten überlieferten Aufnahmen existieren bislang noch nicht, doch man kann davon ausgehen, dass er aus ebenfalls mindestens Hunderttausenden von Fotos besteht. Schließlich müsste eine korrekte Zählung der gesamten Aufnahmen die Mehrfachüberlieferungen berücksichtigen. Dies betrifft nicht nur Aufnahmen, die innerhalb einer Akte in mehreren Exemplaren archiviert sind.Vielmehr befinden sich manche Fotos auch in ganz unterschiedlichen Akten, zudem oft in Überlieferungen unterschiedlicher Diensteinhei- ten oder Aktenkategorien. Die Frage nach den Gründen für derartige Mehrfachüberlieferungen lässt sich nicht pauschal beantworten. Oftmals wurden Bilddokumentationen in mehr- facher Ausfertigung erstellt, da verschiedene Diensteinheiten mit ihnen arbeiteten; Häftlingsfotos oder Aufnahmen von hauptamtlichen Mitarbeitern wurden »auf Vorrat« entspre- chenden Akten beigefügt, um bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können; »verbotene« Fotos liegen oft sowohl als Negativ streifen als auch als Papierfoto vor, da das MfS die Aufnahmen nach der Beschlagnahme der Negative überhaupt zum ersten 23 Vgl. Stasi intern: Macht und Banalität. 2.Aufl., Leipzig 1991; Karl Wilhelm Fricke: MfS intern: Macht, Strukturen, Auflösung der DDR -Staatssicher heit, Analyse und Dokumentation. Köln 1991; David Gill, Ulrich Schröter: Das Ministerium für Staatssicherheit, Anatomie des Mielke-Imperiums. Berlin 1991; Jens Gieseke: Die DDR -Staatssicher- heit: Schild und Schwert der Partei. Bonn 2000; ders.: Der Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945–1990. Stuttgart u.a. 2001; ders.: Mielke- Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945–1990. erw. und aktualis. Neuausg., Stuttgart u.a. 2006; ders.: Die Stasi 1945–1990. aktualis. und erg. Aufl., Mün- chen 2011; Kowalczuk: Stasi. Einige der beschrie benen Aufnahmen sind keine MfS-Fotografien, sondern stammen aus der Zeit nach 1990. 24 Vgl. dazu Abb.1/45. 25 Alles andere als zufällig werden beispielsweise im Begleitbuch der Ausstellung »Bilder im Kopf – Ikonen der Zeitgeschichte« zwar unter anderem das »Bildprogramm der SED -Diktatur«, der Handschlag vonWilhelm Pieck und Otto Grotewohl (»Grün- dungsikone der DDR «) und die Darstellung Adolf Henneckes thematisiert, Fotos zumThema MfS finden sich dagegen nicht.Vgl. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Bilder im Kopf – Ikonen der Zeitgeschichte. Bonn, Köln 2009. 26 ZumTypus des »Knipsers« vgl.Timm Starl: Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich 1880 –1980. München 1995. 27 Zu den Überlieferungsbedingungen und dem Verlauf der Erschließung beim BStU vgl. Kuball; Oberhack; Rübenstrunk: Überlieferung. Nicht nur in der Zeit des MfS, sondern auch in der Frühphase der Arbeit des Stasi-Unterlagen-Archivs wurde mit Fotografien in zahlreichen Fällen zunächst nicht sachgerecht umgegangen. Davon zeugen beispiels- weise auf den Papierabzügen aufgebrachte Pagi nierungsstempel des BStU (vgl. etwa Abb.2/12 und Abb.6/8). Mittlerweile wird das Material jedoch nach strengen archivfachlichen Kriterien behandelt. 28 Vgl. BStU: 14.Tätigkeitsbericht des Bundes beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheits- dienstes der ehemaligen Deutschen Demokra- tischen Republik für die Jahre 2017 und 2018. Berlin 2019, S.25. 29 Hartewig: Das Auge der Partei, S.9. 30 Vgl.Vowinckel: Agenten der Bilder, S.260. Zum Zeitpunkt vonVowinckelsVeröffentlichung wurde allerdings bereits vom BStU die Menge von »über 1,7 Millionen« Fotos kommuniziert.Vgl. BStU: Zwölfter Tätigkeitsbericht des BStU für die Jahre 2013 und 2014. Berlin 2015, S.25. Der aktu- elle Tätigkeitsbericht beschreibt den Umfang mit »über 1,85 Millionen« ( BStU: 14.Tätigkeitsbericht, S.25).
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