Leseprobe
10 Bild. 23 Vor allem die scheinbar allumfassende Größe des MfS und die Rolle der Bürokratie als Spezifikum seiner Herr- schaft bringen die Titelabbildungen zum Ausdruck. Repression und Demütigung oder auch das Schicksal von Betroffenen bleiben dagegen meist außen vor. Den Eindruck einer fehlenden Bildsprache zur Veranschau- lichung der Rolle des MfS findet man beim Blick in Gesamt darstellungen zur DDR -Geschichte oder in Schulbücher bestätigt – »Ikonen«, die in konzentrierter Form wesentliche Aspekte der Tätigkeit der Staatssicherheit abbilden, scheint es nicht zu geben. Allenfalls die (Luft-)Aufnahmen der MfS-Gebäude an der Berliner Magdalenenstraße, die Bilder der Kartei- und Archivräume des MfS (meist Aufnahmen aus der Zeit nach 1989), die gemeinsamen Fotos von Mielke und Honecker wie jenes vom 35. Jahrestag der MfS-Gründung, 24 die Aufnahmen vom Sturm auf die MfS-Zentrale 1990 oder die – aufgrund der konspirativen Aufnahmetechnik oft »runden« – Bilder von der Observation meist prominenter west- oder ostdeutscher Bürger lassen sich als zentrale Elemente des erinnerungsgeschichtlichen Bildbestands zum MfS identifizieren. Das Fehlen von »Ikonen« zur Geschichte der ostdeut- schen Geheimpolizei dürfte einerseits Resultat der schwieri- gen Überlieferungslage sein, die grundsätzlich zu einem eingeschränkten »Vorrat« an Fotos geführt hat. Aufnahmen zumThema »MfS« sind fast ausschließlich im Erbe der Geheimpolizei überliefert – in den von Medien, Ausstellungs- machern und Buchgestaltern vordringlich genutzten kom merziellen Bildarchiven gibt es ebenso wenig wie in privater Hand weitere nennenswerte Bestände mit davon abwei chenden Motiven. Auf der anderen Seite führt die Spezifik der MfS-Fotografie dazu, dass – im Gegensatz zu Fotos von Repression und Ter- ror aus anderen Zeiten – die Betroffenen auf den Aufnahmen meist nicht als Betroffene erkennbar sind. So lassen sich in den MfS-Beständen keine Fotos finden, die mit denen von öffentlichen Demütigungen, von Deportationen oder von aus- gemergelten Häftlingen vergleichbar wären. Dies liegt selbst- verständlich einerseits in dem grundsätzlichen Unterschied zwischen dem SED -Herrschaftssystem und anderen Diktaturen begründet, darüber hinaus aber auch in den ganz anderen Formen und Intentionen der jeweiligen Fotografie. Angesichts der – in Bezug auf die Betroffenen – weniger eindeutigen Bildsprache der Aufnahmen aus MfS-Beständen eigneten sich diese Fotos kaum als Ausgangsmaterial zur Entstehung von »Ikonen«. 25 Somit fehlte hier – anders als im Fall der seit den 1990er Jahren erforschten »Ikonen der Vernichtung« – die »Ikonen«-Forschung als methodischer Antrieb für eine inten sivere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Foto grafien aus dem Erbe des MfS insgesamt. Eine weitere Ursache für die geringe wissenschaftliche Beschäftigung mit MfS-Fotografien stellen die schwierigen Zugriffsmöglichkeiten dar. Manche Wege, die in der Foto geschichtsschreibung in anderen Fällen bei der Analyse be schritten werden, können bei der Erforschung der Bilder aus MfS-Beständen nicht gegangen werden. Dazu zählt ins besondere die Auswertung von Publikationen oder Periodika im Hinblick auf ihre Fotopräsentation. Da die Aufnahmen von MfS-Fotografen in fast allen Fällen nicht für eine Ver öffentlichung bestimmt waren, besitzt eine Analyse der ver- schwindend geringen Zahl von Aufnahmen, die das MfS selbst publizierte, wenig Relevanz. Auch der Zugriff über einzelne Fotografen erweist sich zumindest als schwierig. Zwar gab es einzelne bekannte Fotografen, die als IM für das MfS tätig waren, doch finden sich in deren IM -Akten allenfalls einzelne Aufnahmen, die eine umfassende Analyse nicht zulassen. Die überwältigende Mehrheit der MfS-Fotografien wurde dagegen von haupt amtlichen oder inoffiziellen »Knipsern« 26 gemacht, deren Namen oder Biografien meist gar nicht oder nur mit umfang- reichen Recherchen zu ermitteln sind. Sammlungen von Aufnahmen einzelner Fotografen bzw. »Knipser« sind so kaum zu eruieren, da im Stasi-Unterlagen-Archiv keine Bild- datenbank existiert, in der nach solchen Aufnahmen gezielt gesucht werden könnte. Letzteres betrifft auch thematische Recherchen, die sich ebenfalls nur über die Suche in Akten beständen durchführen lassen. Zudem hilft der Bestand, der beim Stasi-Unterlagen- Archiv als »Fotosammlung« bezeichnet wird und innerhalb der einzelnen MfS-Diensteinheiten mit »Fo«-Signaturen archiviert ist, bei der Recherche nach geeigneten Quellen nur bedingt weiter. Hinter den so bezeichneten Signaturen ver bergen sich Aufnahmen, die oft als »kontextlos überliefert« dargestellt werden.Tatsächlich aber handelt es sich bei diesen Bestandsgruppen entweder um Akten, die vorwiegend (d.h. mehr als zur Hälfte) aus Fotografien bestehen – also beispiels- weise Fotoalben – oder um Fotoeinheiten, die ohne oder nur mit rudimentärer schriftlicher Dokumentation überliefert sind (zum Beispiel Umschläge, in denen Fotoserien liegen), deren Herkunft aber bestimmten Diensteinheiten zugeordnet werden kann. Die Auswertung dieser aus konservatorischen Gründen nicht innerhalb des Schriftguts archivierten »Fo-Bestände« ist dementsprechend – trotz aller Bemühungen der beteiligten Archivarinnen und Archivare – mit großen Pro blemen verbunden, da Ort, Zeit, Personen, Fotograf und Kon- text oftmals nicht bekannt sind. »Zwei Männer bei einem
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