Leseprobe

9 und »Bildsteuerung« verantwortlichen Akteure – zur Vernach- lässigung der MfS-Fotografie beigetragen haben. Nur durch eine solcherart verengte Sichtweise ist es nämlich zu erklären, dass dort bei der Erforschung von »Fotografie und Diktatur« allein die »Bildpropaganda« als zentraler »gemeinsamer Nenner« erscheint 21 – ohne zu berücksichtigen, dass geheim bleibende, nicht öffentlich genutzte Fotografien ein ebenso wichtiges Element diktatorischer Herrschaft sein können. Trotz der bedeutenden Rolle, die »Bildikonen« für die Ge­ schichts- und Erinnerungspolitik nach 1945 spielten, 22 exis­ tieren bislang auch keine Untersuchungen, die die Frage nach »Ikonen« der MfS-Geschichte stellen – oder vielmehr nach deren Fehlen. Denn eine Bildsprache, die zentrale Aspekte von Repression und Überwachung durch das MfS fassen könnte, hat sich bislang noch nicht herauskristallisiert. Dies lässt sich beispielsweise an den Umschlagabbildungen der wichtigsten Gesamtdarstellungen zur MfS-Geschichte ablesen, auf denen derartige, das Gesamtphänomen »Staatssicherheit« abbildende »Ikonen« eigentlich zu finden sein müssten.Tatsächlich aber zeigen die Titelgestaltungen ein sehr unterschiedliches, mit­ unter – wie bei den Fotos eines verschwommenen Aktenkoffers oder eines Telefons mit DDR -Emblem – recht hilflos wirkendes 7  Mit »Wehrmachtsausstellung« ist dieWander­ ausstellung »Vernichtungskrieg.Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« gemeint, deren erste Version von 1995 bis 1999 gezeigt wurde. Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Vernichtungskrieg.Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Red.: Hannes Heer, Birgit Otte. Hamburg 1996; Hannes Heer, Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg –Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Hamburg 1995; Omer Bartov u.a.: Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung »Vernichtungskrieg.Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944«, November 2000, www.verbrechen-der-wehrmacht.de/pdf/bericht_ kommission.pdf (letzter Zugriff: 24.10.2019); Hans-Ulrich Thamer: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Impulse der »Wehrmachtsausstellung« für die historische Forschung. In: Ulrich Bielefeld, Heinz Bude, Bernd Greiner (Hg.): Gesellschaft – Gewalt –Vertrauen. Jan Philipp Reemtsma zum 60.Geburtstag. Hamburg 2012, S.489–503. 8  Vgl. Hartewig: Das Auge der Partei.Vgl. auch dies.: Im Sucher der Staatssicherheit. Das heimliche Auge der Macht. In: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahr- hundert der Bilder, 1949 bis heute. Göttingen 2008, S.490–497; dies.: »Bilder vom Feind«. Die DDR - Opposition in den Fotografien des Ministeriums für Staatssicherheit. In: Alf Lüdtke, Herbert Reinke, Michael Sturm (Hg.): Polizei, Gewalt und Staat im 20.Jahrhundert.Wiesbaden 2011, S.169–186. 9  Hartewig: Das Auge der Partei, S.26. 10  Vgl. Axel Doßmann:Transit. Die Autobahn im Blick von Polizei und Staatssicherheit. In: Karin Hartewig, Alf Lüdtke (Hg.): Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat. Göttingen 2004, S.107–124.Vgl. auch ders.: »Wer ist wer?« Feindaufklärung an den Transit- autobahnen in der DDR . In: traverse. Zeitschrift für Geschichte. Revue d’histoire (2004) 3, S.85–99. 11  Die eher eingeschränkte Relevanz, die foto­ grafischen Quellen auch beim BStU anfangs zugemessen wurde, spiegelt sich in den ersten Tätigkeitsberichten der Behörde. So heißt es 1995 (entsprechend dem allgemein üblichen Umgang mit derartigen Quellen in jener Zeit): »Die Bild- und Tonträger vermitteln einen unmittelbaren und ›lebendigen‹ Eindruck der Geschichte. Deshalb haben sie eine besondere Bedeutung für die For- schung und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere auch für die Gestaltung von Ausstellungen.« In: Zweiter Tätigkeitsbericht des BStU 1995. Berlin 1995, S.54. 12  Eine Ausnahme ist allerdings der Film »Feind­ bilder – Die Fotos undVideos der Stasi« von Holger Kulick von 2006 (als DVD verfügbar und im Inter- net unter www.bpb.de/mediathek/feindbilder , letzter Zugriff: 24.10.2019). Für einen ersten, thematisch begrenzten Einblick in die fotografische Überlieferung des MfS vgl.Volker Kuball, Silvia Oberhack, Katrin Rübenstrunk: Die fotografische Überlieferung der Staatssicherheit. Eine Zwischen­ bilanz anläßlich des 50.Jahrestags des Mauerbaus. In: Rundbrief Fotografie 18 (2011) 3, S.24–30; vgl. auch AndreasVoss, Norman Kirsten: Crowd­ sourcing bei der Fotoerschließung. Die »Spuren­ suche« des Stasi-Unterlagen-Archivs, https:// saechsischer-archivtag.vda-blog.de/2019/04/04/ abstracts-zum-saechsischen-archivtag-2019- crowdsourcing-bei-der-fotoerschliessung (letzter Zugriff: 7.11.2019). 13  Vgl. zum Beispiel Gerhard Paul:Visual History, https://docupedia.de/zg/Visual_History_Version_ 3.0_ Gerhard_ Paul (letzter Zugriff: 24.10.2019); AnnetteVowinckel: Agenten der Bilder. Fotografi- sches Handeln im 20.Jahrhundert. Göttingen 2016, S.260–262, 345–347. 14  Vgl. Jens Klein: Hundewege. Index eines konspirativen Alltags. Leipzig 2013; ders.: Sunset. Leipzig 2018; Simon Menner:Top Secret. Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit. Ostfildern 2013; Arwed Messmer: Reenactment MfS. Ostfildern 2014; Michael Buhrs, Sabine Schmid (Hg.):Von Ferne. Bilder zur DDR /From far away. Images of the GDR , Ausstellungskatalog MuseumVilla Stuck. Köln 2019. 15  Vgl. Paul:Visual History. Paul bezieht die bis­ herigeVernachlässigung der Massenbestände kon- kret auf die Bestände der Propagandakompanien der Wehrmacht und generell auf die Fotogeschichte des Nationalsozialismus. 16  So verweist etwa Ilko-Sascha Kowalczuk darauf, dass trotz einer »schier unüberschaubare[n] Anzahl vonVeröffentlichungen« zum MfS »gesellschafts-, mentalitäts- oder kulturgeschichtliche Arbeiten, die auch das MfS einschließen oder die Stasi in solchen Perspektiven analysieren, […] sehr rar« seien (Ilko-Sascha Kowalczuk: Stasi konkret, Überwachung und Repression in der DDR . München 2013, S.17f.). 17  Damit unterscheidet sich die MfS-Forschung kaum von der DDR -Forschung insgesamt, die etwa Martin Sabrow auf demWeg »in die gated community einer fachlichen Selbstgenügsamkeit« sieht (Martin Sabrow: Die DDR 25 Jahre danach: Historisierung als Hoffnung. In: Ulrich Mählert (Hg.): Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema. Berlin 2016, S.181–188, hier 183). 18  Vgl. die Beiträge in Mählert (Hg.): DDR . 19  Zu Entwicklung und Möglichkeiten der Fotogeschichtsschreibung bzw. der Historischen Bildforschung vgl. insbesondere Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zurVisual History. Eine Einführung. In: ders (Hg.):Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006, S.7–36; ders.: Visual History, https://docupedia.de/zg/Visual_ History_Version_3.0_ Gerhard_ Paul (letzter Zugriff: 24.10.2019); Jens Jäger, Martin Knauer (Hg.): Bilder als historische Quellen? Dimension der Debatten um historische Bildforschung. München 2009; Jens Jäger: Fotografie und Geschichte, Frank- furt/M., NewYork 2009; Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung. Münster 2017; Jürgen Danyel, Gerhard Paul, AnnetteVowinckel (Hg.): Arbeit am Bild.Visual History als Praxis. Göttingen 2017. 20  Vgl.Vowinckel: Agenten der Bilder.Vgl. auch Annelie Ramsbrock, AnnetteVowinckel, Malte Zierenberg (Hg.): Fotografien im 20.Jahrhundert. Verbreitung undVermittlung. Göttingen 2013. 21  AnnetteVowinckel, Michael Wildt: Fotografie in Diktaturen. Politik und Alltag der Bilder. In: Zeit- historische Forschungen 12 (2015), S.197–209, hier 197. 22  Vgl. insbesondere Cornelia Brink: Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945. Berlin 1998.

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