Leseprobe

8 die zentralen Akteure im Fotokosmos des MfS waren. Doch sie fotografierten keineswegs alles, was sich zur Tätigkeit des MfS rechnen lässt – und die Frage, was sie warum ausspar- ten, ermöglicht es, die Konturen des fotografischen Quellen­ materials noch stärker fassen zu können. Diese unterschiedlichen Perspektiven, aus denen sich die Bilderwelt des MfS betrachten lässt, können schließlich Er- kenntnisse darüber liefern, was den »Blick der Staatssicherheit« eigentlich ausmacht. Dazu bedarf es weiterer Forschungen, für die die vorliegende Edition Material und Anregungen liefern möchte. Forschungsstand Seit Öffnung der Akten herrscht im Umgang mit Aufnah- men aus dem Erbe des MfS meist eine Verwendungsweise vor, bei der die Fotos ausschließlich zur Visualisierung ausge­ wählter Themen der MfS-Geschichte eingesetzt werden. In Medien, Ausstellungen und in der Forschungsliteratur sollen die Bilder die Erkenntnisse illustrieren, die aus der schriftlichen Überlieferung gewonnen wurden.Während bei der Nutzung von Dokumenten durchaus nach Autorenschaft und Inten- tion gefragt wird, sucht man eine derartig quellenkritische Be­ schäftigung im Umgang mit den Fotografien meist vergeblich. Von den intensiven Debatten, die spätestens seit der ersten »Wehrmachtsausstellung« 7 des Hamburger Instituts für Sozial- forschung weit über die akademischeWelt hinaus um einen kritischen Umgang mit Fotografien geführt wurden, lassen sich beim Einsatz von MfS-Fotografien kaum Spuren finden. Eine intensivere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem fotografischen Erbe der Geheimpolizei hat es bislang nicht gegeben.Weder in den Forschungen zur Geschichte des MfS noch in der fotohistorischen Geschichtsschreibung wurden Fotos aus MfS-Beständen als Quelle thematisiert. Auch die einzige umfassende Veröffentlichung – »Das Auge der Partei« von Karin Hartewig 8 – löste keine weitere Beschäftigung mit demThema aus. Insbesondere zu Fragen der Fototechnik liefert Hartewigs Studie erste wichtige Erkenntnisse; darüber hinaus beschreibt sie fundiert die »Wende zur visuellen Über- wachung«. 9 Allerdings konzentriert sich die Darstellung vor allem auf die Observationsfotografie zu bekannten oppositio- nellen Gruppen und Personen und auf Aufnahmen aus dem »Innenleben« des MfS – weitere Verwendungsmöglichkeiten der Fotografie im MfS werden allenfalls gestreift. Einzelne Aufsätze – etwa der wichtige Text von Axel Doßmann zu Autobahnen im Blick des MfS 10 – resultierten aus der Beschäftigung mit anderen Fragestellungen, bei denen auch Fotoquellen anfielen. In der MfS-Forschung wurden Foto- grafien meist nur zur Bebilderung genutzt 11 – Fragen nach dem Einsatz der Fotografie, nach den Fotografen oder nach den Überlieferungsbedingungen der MfS-Fotografie fanden dabei keine nennenswerte Berücksichtigung. 12 Dies galt auch für die fotohistorische Forschung. Hier wurde das Thema in Überblicksdarstellungen zwar erwähnt – meist allerdings ohne eigene Quellenarbeit und ausschließlich mit Bezug auf Hartewigs Studie. 13 Bezeichnenderweise waren es keine Forschenden, sondern Fotokünstler und -künstlerinnen, die das Thema in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten rückten. So nutzten Jens Klein, Simon Menner und Arwed Messmer MfS- Aufnahmen für ihre Fotoprojekte 14 – allerdings weitgehend ohne inhaltliche oder quellenkundliche Analyse. Die verhaltene Beschäftigung der Forschung mit den im Stasi-Unterlagen-Archiv gesammelten Fotografien dürfte sehr unterschiedliche Ursachen haben und nicht nur Folge einer grundsätzlichen Zurückhaltung bei der Bearbeitung fotografi- scher Massenbestände sein. 15 So zeigte sich die MfS-Forschung in der Vergangenheit meist eher reserviert bei der Integration neuerer methodischer Ansätze, die in anderen Fachgebieten entwickelt wurden 16 – auch jenseits der fotohistorischen For- schung. 17 Zudem besitzen bis heute Fragen wie die nach dem Arbeitsalltag im »Apparat« des MfS, nach der Rolle der hauptamtlichen Mitarbeiter und nach den Überlieferungs­ bedingungen der Quellen – also Fragen, die auch die MfS-Fotografie betreffen – bei der Aufarbeitung der MfS-Geschichte eine eher untergeordnete Bedeutung. Darüber hinaus ist das Forschungsfeld DDR -Geschichte in den letzten Jahren ins- gesamt durch ein nachlassendes Interesse geprägt – eine Ent- wicklung, die zu einer intensiven und noch offenen inner- disziplinären Diskussion geführt hat. 18 Außerdem lässt sich bei der MfS-Fotografie ein – forschungspolitisch heute oftmals geforderter – vergleichender Ansatz nur schwer realisieren, da Fotobestände anderer Geheimpolizeien bzw. Geheimdienste in der Regel nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind. InsbesondereVergleiche mit der Fotografie der Geheimen Staats­ polizei oder auch der osteuropäischen Geheimpolizeien würden dabei, davon ist auszugehen, wichtige Erkenntnisse über das »Spezifische« der MfS-Fotografie liefern – oder aber zumindest Teilbereiche der MfS-Fotografie möglicherweise als typische Elemente einer wie auch immer zu definierenden visuellen Kultur von Geheimpolizeien erkennbar werden lassen. Schließlich trüge auch einVergleich mit der Fotografie des Bundesnachrichtendienstes (BND) zur weiteren Schärfung des Bildes von der MfS-Fotografie bei. Blickt man auf die Historische Bildforschung bzw. dieVisual History, 19 so dürfte deren bisherige Konzentration auf die Wirkungsweise von Fotografie in der Öffentlichkeit und auf die »Agenten der Bilder« 20 – also auf die für »Bildproduktion«

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