Leseprobe

7 viele Geschichten erzählen. Doch diese Mehrdeutigkeit wird oft durch die Bildunterschrift auf eine einzige Lesart fixiert und verbaut dem Betrachter die Möglichkeit, in andere Richtungen zu denken.« 3 Wendet man diese Aussage des Doku­ mentarfoto-Experten Fred Ritchin auf die MfS-Bilder an, so eröffnen sich auch hinter Fotos wie denen des Magdeburger Briefkastens, der Rosenhagener Feuerlöschtafel und der Mans- felder Hochzeitsgesellschaft eigene »Welten«, die es zu entschlüsseln gilt, will man die Aufnahmen als Bildquellen ernst nehmen. Die drei Fotografien deuten an, welches besondere Quellenmaterial sich bei der Beschäftigung mit der Bilderwelt des MfS auftut – eine Bilderwelt, die bislang noch kaum in den Fokus der Forschung geraten ist. Die vorliegende Edition will Einblicke in diese Bilderwelt gewähren und dabei Hilfe bei der Entschlüsselung der präsentierten Fotografien leisten. Vor allem aber soll anschaulich werden, wie vielfältig die Fragenhorizonte sein können, unter denen man die Aufnahmen betrachten kann. Versteht man die Menge der hinterlassenen Fotografien der Staatssicherheit eben nicht allein als – nahezu unerschöpf- liches – Reservoir an Material für die Bebilderung von Texten, so bedarf es aber systematischer Fragestellungen, mit deren Hilfe sich Schneisen durch das scheinbar undurchdringliche Dickicht an Quellenmaterial schlagen lassen. Dabei ist es naheliegend, die Fotografie grundsätzlich als zentrales Arbeits­ instrument der Geheimpolizei und die überlieferten Aufnah- men als spezifisches Mittel des Repressionsapparats der Staatssicherheit zu begreifen. Zweifellos spielte die »visuelle Überwachungspraxis«, die meist als einziges Thema der MfS-Fotografie dargestellt wird, 4 in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Eine umfassende Erforschung dieser Form der Über­ wachung steht bislang aber ebenso aus 5 wie eine fundierte Diskussion der Frage, wie effizient sie überhaupt war. Denn gerade die Existenz eines so riesigen Fotobestands muss zu dieser Frage führen, will man nicht bei deskriptiven Darstel- lungen dessen, was alles möglich war und wer alles fotografiert werden konnte, stehenbleiben. Die Gesamtbetrachtung der überlieferten Aufnahmen zeigt schließlich, dass die MfS-Fotografie in ihrer Funktion als visuelles Kontrollinstrument nicht aufging und Überwachung keineswegs das einzige Thema von Fotografien aus MfS-Beständen ist.Vielmehr setzte das MfS die Fotografie in vielfältiger Weise und mit unter- schiedlichen Schwerpunkten ein. Darüber hinaus sollte die Analyse der Fotografien aus MfS-Beständen auch offen sein für Fragestellungen, die jenseits eines allein dokumentarischenVerständnisses von Fotografie liegen und generell in der historischen Bildforschung unter­ repräsentiert sind: »Kaum einmal gerieten […] Bilder mit ihrer spezifischen Ästhetik als eigenständige […]Wirkungsfelder des Politischen oder Kulturellen und als Deutungsmedien zum Gegenstand von Untersuchungen. Und kaum einmal geriet […] der Eigensinn der Fotografien in den Blick, der in der Intention des Fotografen oder in der vordergründigen Inter- pretation des Historikers nicht unbedingt aufgeht.« 6 Im Folgenden sollen – nach einem Überblick über die Forschungslandschaft und die Dimensionen des überlieferten Fotobestands – vielfältige Perspektiven thematisiert werden, aus denen heraus Fotografien der Staatssicherheit analysiert werden können. Diese verschiedenen Perspektiven stehen für unterschiedliche methodische Ansätze, die sich für weitere und intensivere Erkundungen der Bilderwelt des MfS nutzen lassen. So wird zunächst der Frage nachgegangen, welche Typen von Bildern in den Beständen überhaupt zu finden sind und was diese Kategorien über die Arbeit der Geheimpolizei aussagen. Anschließend werden Aspekte der Fototheorie und der Fotopraxis im MfS vorgestellt und dabei insbesondere MfS-interne Arbeiten und Lehrbücher ausgewertet. In einem weiteren Abschnitt geht es um die Fotografen, die hauptamt- lich oder inoffiziell für die Geheimpolizei arbeiteten und so 1  Karin Hartewig: Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit. Berlin 2004, S.9. 2  Siegfried Siebert: Lehrbuch Kriminalistische Fotografie und ihre Anwendung in der politisch- operativenArbeit des Ministeriums für Staats­ sicherheit; BStU, MfS, VVS JHS 001 Nr.161/79 ( BStU, Bibliothek, Sign.90/302 I), S.11. 3  Florian Sturm: »Ein Bild ist heute näher an einer Meinung als an einer Tatsache«, Interview mit Fred Ritchin. In: Neue Zürcher Zeitung v. 4.8.2018, www.nzz.ch/feuilleton/ein-bild-ist-heute-naeher- an-einer-meinung-als-an-einer-tatsache-ld.1401986 (letzter Zugriff: 24.10.2019). 4  Vgl. zum Beispiel Gerhard Paul: Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel. Göttingen 2016, S.596–598. 5  Vgl. Paul: Zeitalter, S.619. 6  Gerhard Paul:Visual History,Version: 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte v. 13.3.2014, http://docupedia.de/zg/Visual_History_Version_3.0_Gerhard_Paul?oldid=12544 5 (letzter Zugriff: 24.10.2019).

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