Leseprobe

6 Eine ältere Frau und ein Kind, vielleicht ihre Enkelin, parken an einem Sommertag ihre Fahrräder vor einem Laden in einer ausgestorben wirkenden Straße in Magdeburg (Abb. 2/16). An einer Feuerlöschtafel einer Landwirtschaftlichen Produktions- genossenschaft (LPG) in Rosenhagen bei Anklam fehlen an einemTag im Mai einige der vorgeschriebenenWerkzeuge zur Brandbekämpfung (Abb. 4/54). Ein Ehepaar – er mit Fliege, sie mit großem Blumenstrauß – stellt sich gemeinsam mit den Gästen der Goldenen Hochzeit vor dem Eingangsportal der evangelischen Kirche in Mansfeld für den Fotografen auf (Abb. 2/19). Alltäglich scheinen die Ereignisse zu sein und belanglos die Fotografien davon, wüsste man nichts über den Kontext, in dem die Aufnahmen entstanden. Denn die drei Fotos sind Teil des gewaltigen »Bilderbergs«, 1 den die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in ihren Büros und in den Archiven der Geheimpolizei hinterließen. Mit ihrem »Blick der Staatssicherheit« durch die Objektive ihrer Kameras sorgten die hauptamtlichen und die inoffiziellen Mitarbeiter des MfS (und unfreiwillig auch die Fotografinnen und Fotografen beschlagnahmter und anderer Fotos) für einen be- sonderen fotohistorischen Massenbestand. Nicht zuletzt die Diskrepanz zwischen der alltäglich anmutenden Szenerie und dem repressiven Beweggrund für die Aufnahmen macht die Bilder zum Bestandteil einer außergewöhnlichen foto­ grafischen Überlieferung. Im Fall der beiden Magdeburger Radfahrer war es der Zu- fall, der sie Teil der fotografischen Dokumentation eines inoffiziellen Mitarbeiters (IM) werden ließ. Dieser hatte seine Kamera eigentlich auf einen an der Hauswand hängenden Briefkasten gerichtet, um dessen Position im Stadtraum fest­ zuhalten und so bei Ermittlungen, die sich offenbar gegen einen der Spionage verdächtigten Mann richteten, darauf zurück­ greifen zu können. Die Aufnahme der Feuerlöschtafel in Rosenhagen gehörte zu einem der üblichen Einsätze des MfS, bei denen mögliche Vergehen gegen die Volkswirtschaft über- prüft wurden. Um das Bild der Mansfelder Festgäste hatte die »goldene« Braut dagegen den Fotografen, einen als inoffizieller Mitarbeiter des MfS tätigen Abschnittsbevollmächtigten (ABV) der Volkspolizei (VP) , selbst gebeten – sicher ohne zu ahnen, dass dieser das Foto an die Geheimpolizei weiterreichen würde. Ein derartiger Kontrast zwischen der alltäglichen Oberfläche der Fotografien und dem geheimpolizeilichen Hintergrund findet sich nicht nur bei diesen drei Beispielen. Er resultiert in erheblichem Maße aus der Vorstellung dessen, was die Foto­ grafie aus Sicht des MfS leisten sollte: den »Feind« erkennen, dokumentieren und bekämpfen. So erklärte Oberstleutnant Dr. Siegfried Siebert, Dozent an der Juristischen Hochschule (JHS) des MfS und einer der Theoretiker der MfS-Fotografie: »Der gezielte Einsatz der kriminalistischen Fotografie in der opera­ tiven Praxis und die Nutzbarmachung fotografischer Mittel, Verfahren und Methoden zur qualifizierten Lösung politisch- operativer Aufgabenstellungen erfolgen generell mit dem Ziel, die Bekämpfung der subversiven Tätigkeit des Feindes damit wirksam zu unterstützen und zur weiteren zielstrebigen Erhö- hung der Qualität der politisch-operativen Arbeit beizutragen.« 2 Der »Feind« war somit – folgt man Sieberts Darstellung – das Hauptmotiv der MfS-Fotopraxis. Die drei Fotografien aus Magdeburg, Rosenhagen und Mansfeld verdeutlichen allerdings auch, dass das, was unter »Feind« zu verstehen war – oder darunter, was der »Feind« getan hatte bzw. hätte tun können –, höchst unterschiedlich sein konnte. Bei der Aufnahme aus Magdeburg betrachtete das MfS den Briefkasten als potenziellen Tatort, den ein »Feind« hätte nutzen können – oder schon genutzt hatte. Die unvoll- ständige Feuerlöschtafel hätte im Fall eines möglichen Brandes der LPG die Löscharbeiten behindern können – der »Feind« wäre dann bei seinemVorhaben, die Volkswirtschaft der DDR zu schädigen, erfolgreich gewesen. Der Mansfelder IM dagegen übergab seine Fotografie von der Goldenen Hochzeit der Geheimpolizei, weil er offenbar annahm, dass sich diese, also sein eigentlicher Auftraggeber, für die kirchliche – und somit im Sinne des MfS »feindliche« – Feier interessieren könnte. Die vom MfS angefertigten und gesammelten Fotografien sind, so deuten die Beispiele an, alles andere als eindeutig und nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen. Sie »lesen« und als Quelle nutzen zu können, erfordert genaue Kenntnisse ihrer Entstehung und Überlieferung, die allerdings – ange- sichts der meist sehr eingeschränkt vorhandenen Informatio- nen über den Kontext – oft nur schwer zu gewinnen sind. Nicht anders als Bildquellen aus anderen Beständen und histo- rischen Kontexten erfordern auch die Fotografien des MfS eine intensive Quellenkritik. Zugleich lässt ein erweiterter Blick auf die überlieferten Aufnahmen eine Steigerung der Analyse- und Nutzungs­ möglichkeiten der Fotografien zu: »Ein Foto kann gleichzeitig Philipp Springer Das operative Foto Entstehung, Funktion und Überlieferung der Bilderwelt des MfS

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