Leseprobe

15 werden, die einer Erkrankung entgegenwirken und eine Krankheit zu heilen oder doch zu lindern vermögen[, denn] da schwingt etwas im Kunstwerk, das sich ganz und gar dem rationalen Zugriff entzieht, dagegen aber un- mittelbar die Seele des wahrnehmungswilli- gen Kunstrezipienten anrührt« (ebd., S. 278). Leuteritz bezieht sich u.a. auf den Grüne­ wald’schen Altar sowie auf ursprüngliche Kunst- und Kulturschöpfungen sowie deren Betrachtung. Originale wirken intensiver als Abbildungen. Dieser Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1475/1480 –1528) in Colmar (Elsass) ist ein bekanntes Bespiel für die Wir- kung der Bilder. Der zwischen 1512 und 1516 entstandene Altar besteht aus drei Wandel- bildern; meistens war nur die Kreuzigungs- tafel zu sehen.Allein diese Kreuzigungsszene auf der Werktagsseite erschütterte durch ih- ren Realismus, ihre Größe und ihre Aussage- kraft: Alte und Kranke wurden zur Katharsis vor den Altar gebracht, um durch dieWirkung der Darstellung geheilt zu werden, denn der Antoniterorden, in dessen Kloster der Altar stand, betrieb auch Krankenpflege. Die Tafel der Versuchung des Heiligen Antonius erzählt von der Kraft des Glaubens und des Geistes im Kampf gegen Ängste und Krankheiten. Das ist es letztlich auch, was wir von der Kunst- therapie erwarten: Bilder können Verände- rungen bewirken, indem sie eine mehr oder weniger starke Resonanz bei den Betrachten- den erzeugen. Sie zeigen das Beständige und dasWandelbare, sind Erinnerung,Vorstellung, Hoffnung, Abgrund, Zeuge oder Begleiter. Auch das Diakonissenkrankenhaus hat eine christliche Basis. Doch das vorliegende Pro- jekt will nicht erschüttern, sondern Orientie- rung, Anregung und Beruhigung vermitteln. Farbe und Licht wirken hier wesentlich: Yves Klein, dessen tiefblaue Bilder die Blicke der meisten Betrachter*innen magisch anziehen, meinte 1960, dass der Mensch den Raum nur durch die Kräfte der Empfindsamkeit erobern würde, die erschreckend seien, obwohl von Frieden erfüllt.Auch Klein spricht letztlich von einer Erschütterung durch Kunst, hier durch das Element Farbe, das die Empfindsamkeit stärkt. Farben haben eine äußerst subjektive und emotionale Wirkung; dazu gibt es viel Literatur. Natürlich beachten wir kunstthera- peutisch die allgemeine Farbwahrnehmung, Farbkonstellationen, Farbsättigung, Farbbe- handlung, Mischungsverhältnisse und Farb- zuordnungen. Dennoch sollten wir misstrau- isch sein, wenn Farbkombinationen Krank- heitsbildern zugeordnet werden, denn Deu- tungsrezepte gibt es nicht. Vor allem bedeu- ten Farben Schattenaspekte des Lichts, denn sie entstehen erst durch dessen Brechung. Darüber hinaus enthalten Farben eine physi- kalische Energie. Eine der Assoziationen, die immer wieder einfloss und vor allem die Überlegungen von Sarah Brodbeck und Yvonne Engelhardt be- einflusste, war die Installation »The Weather Project« von Olafur Eliasson: Eine der Sonne entsprechende Lichtquelle, hoch oben an der Wand befestigt, wurde von Turbinen betrie- ben, deren offensichtliche Mechanik zugleich Nebelmaschinen sowie Projektions- und Spiegelfolien verunklärten. »Eine Reflexion über das Sonnenlicht, unsere Wahrnehmung und darüber, wie sehr der Kulturbetrieb un- sere Erwartungshaltungen beeinflusst. Elias- sons Werke arbeiten mit Kulissen und schauen dabei gerne dahinter«, schreibt das Architekturmagazin QUER (2016). Eliasson befasst sich mit interdisziplinärer Architektur und Projekten im öffentlichen Raum sowie mit den ökologischen Herausforderungen der Welt. Seine Auseinandersetzung mit und Veranschaulichung von Wahrnehmungsphä- nomenen bezieht auch die körperliche Erfah- rung der Betrachter*innen mit ein. Sein »The Weather Project« in der Turbinenhalle der Tate Modern in London wurde 2003 instal- liert. Es bewegte die Menschen dazu, auf dem Boden liegend in das Licht und seine ungreifbare Farbe einzutauchen, sich einer Wahrnehmungstäuschung hinzugeben und sich zugleich dieser bewusst zu sein. »Man macht sich oft nicht klar, daß es Far- ben, abgesehen von ihrer Lichtqualität, von ihrer Schwingungsfrequenz, überhaupt nicht gibt. Wenn wir das Licht löschen, verschwin- den die Farben: Nicht nur so, daß wir sie nicht mehr wahrnehmen können, sondern so, daß sie nicht mehr existieren. Unter der Wirkung einer Farbe stehen heißt also immer, unter einer realen Strahlung, einer Schwingungs- frequenz des Lichtes stehen«, schreibt Ingrid Riedel (Riedel 1983, S. 12). Das Licht, das die Farben zum Leuchten bringt, erhellt im über- tragenen Sinn auch unseren Geist. Farben können sowohl einen Sog verursachen (den es im vorliegenden Projekt zu vermeiden galt) Olafur Eliasson: The weather project, 2003 Monofrequenzlichter, Projektionsfolie, Dunstmaschinen, Spiegelfolie, Aluminium, Gerüste 26,7×22,3×155,44 m; Installationsansicht: Tate Modern, London, 2003. Courtesy: der Künstler; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York/Los Angeles © 2003 Olafur Eliasson Foto: Ari Magg

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