Leseprobe
29 Eingangstext bereits eindrücklich beschrie- ben wurde. Um die Lage dieser Patient*innen besser zu begreifen, wurde es notwendig, sich mit dem medizinischen Hintergrundwis- sen vertraut zu machen und wissenschaftli- che Fachartikel zu diskutieren, welche die Schnittstelle bzw.Verbindung von Körper und Psyche in diesem Kontext beleuchten. Studien zeigen, dass selbst bewusstlos scheinende Patient*innen eine besondere Form der Wahrnehmung haben, die es un- bedingt zu berücksichtigen gilt (vgl. Bienstein 1994). In Erlebnisberichten von Betroffenen wird deutlich, mit welcher psychischen Be- lastung die Zeit auf der Intensivstation für sie verbunden war und noch über die Zeit der eigentlichen Behandlung hinausgeht (s. S. 22 – 23). Oft werden Reize der Umwelt, Stimmen und Geräusche fehlinterpretiert, und es kommt zu einer räumlichen und zeit- lichen Desorientierung sowie Körperbildstö- rung.Als besondere Stressoren des ursprüng- lichen funktional orientierten Raumes wur- den die grellen Lichtverhältnisse sowie die unterschiedlichen und oft lauten Geräusche erlebt. Die akustische und optischeWahrneh- mung der medizinischen Geräte wurde oft als beängstigend empfunden. Die medizinischen und pflegerischen Handlungen wurden als be- drohlich eingestuft.Auf der physischen Ebene trägt die fehlende oder nur sehr einge- schränkte Bewegungsfähigkeit zum Verlust- gefühl der Autonomie bei (vgl. Brunke 2007). Die theoretische Auseinandersetzung in Bezug auf die Gestaltungsmöglichkeiten be- gann mit der Frage, durch welche wahrneh- mungsfördernden Interventionen im Raum den Patient*innen Ruhe, Halt und Orientie- rung gegeben werden könnte, ohne dass sie überfordert und so zur Fehlinterpretation bei- tragen würden. Als außerordentlich unter- stützend wurde von der Projektgruppe das Angebot des Diakonissenkrankenhauses zum Seminar der Basalen Stimulation ® aufgenom- men, sowohl aus theoretischer Sicht als auch im Sinn der therapeutischen Selbsterfahrung. Das Konzept der Basalen Stimulation ® zielt darauf, den Menschen als individuelle Per sönlichkeit zu begreifen und anzusprechen. Durch die Orientierung an den subjektiven Bedürfnissen der Patient*innen – wie Kom- munikation, Berührung und Bewegung – soll ihnen neben den notwendigen pflegerischen Interventionen über den Körper ein Gefühl für Sicherheit und Vertrauen vermittelt werden (vgl. Fröhlich 1998).Andrea Brunke, Fachkraft für Intensiv- und Anästhesiepflege, beschreibt das Konzept mit den Worten: »›Basal‹ meint: respektvoll, vorsichtig, ohne Forderungen an den Patienten, der Patient braucht keine Leis- tung zu vollbringen, die Akzeptanz für seine ›Form‹ der Existenz von uns. ›Stimulation‹ meint: ein Angebot, das nicht mit ständigem Anregen gleichgesetzt wird. Mit Rücksicht- nahme auf Patienten, die keine Stimulation wollen« (Brunke 2007, S. 117). Im Seminar für die Projektgruppe der HfBK erläuterte Susanne Friedrich, die als Pflege- kraft das Konzept am Diakonissenkranken- haus unterrichtet, das Konzept sowohl theo- retisch als auch praktisch, um die Lage der Intensiv-Patient*innen erfahrbarer werden zu lassen. In einer essenziellen Übung legte sich ein Teil der Gruppe als Patient*innen mit dem Blick zur Decke auf den Boden. Die zweite Gruppe kehrte nach einigen Minuten zurück und hatte die Anweisung, laut umher zu lau- fen und den Raum später wieder zu verlas- sen. Allein diese kurze Situation wurde durch die Gruppe der »Patient*innen« als äußerst unangenehm empfunden. Von allen Teilneh- mer*innen wurde ein Gefühl des Ausgelie- fertseins und der Hilflosigkeit beschrieben, verstärkt durch die Unwissenheit, nicht sehen zu können, was um sie herum geschieht. Die sehr wertvollen Selbsterfahrungsanteile, die durch diese Übung gewonnen werden konn- ten, erwiesen sich im Verlauf des gesamten Entwicklungsprozesses in der Gestaltung immer wieder von großem Nutzen. Analog zu dieser theoretischen Auseinan- dersetzung wurde in der ersten Phase der Entwurfsentwicklung ein möglichst offener künstlerischer Umgang mit dem Thema initi- iert. Hierzu wurden künstlerische Positionen herangezogen wie jene von James Turrell, Olafur Eliasson, Andy Goldsworthy oder Sol LeWitt. Diese verbinden den künstlerischen Raum mit dem jeweiligen Ort und seinen Strukturen sowie mit Phänomenen der Natur. James Turrell arbeitet als Land-Art Künstler und wurde mit seinen Raum-Licht-Installatio- nen bekannt. Seine Arbeiten spielten für den Entwurf von Yvonne Engelhardt und Sarah Brodbeck in der Anfangsphase eine ideen- gebende Rolle. Einige Arbeiten werden im Folgenden noch näher beschrieben. Ebenso dienten die Arbeiten von Olafur Eliasson, die
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