Leseprobe

43 Wilhelm Goes und ich sind, auch nachdem ich 1967 an die Universität Karlsruhe berufen wurde, in Ver- bindung geblieben. Wir besuchten uns und tausch- ten uns aus, besichtigten das zimmermannsmäßig behutsam reparierte gotische Kehlriegeldach über dem Mittelschiff des Freiburger Münsters, dazu das neue Holzschalendach über dem Solebad in Bad Dürrheim. Er lud zu Jubiläumsfeiern in die Firma ein. 1992 kam er zu meiner Gastvorlesung über die Pla- nung des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche in die Braunschweiger Universität. Im Jahr darauf ist Wilhelm Goes gestorben. Nach dem Krieg nahm Wilhelm Goes die Arbeit mit seiner Firma in Salzgitter-Thiede wieder auf. Der wirt- schaftliche und politische Wiederaufschwung und sein Erfindergeist ließen ihn, neben Zimmermanns- konstruktionen, neue Bautypen entwerfen und neue Bauserien produzieren: Demontable Unterkünfte für die Bundeswehr und das Rote Kreuz, Schutzdächer für Fahrzeuge und Gerät, vorgefertigte Schulbauten, Turnhallen. Sein Blick auf die Bauten war ganzheit- lich, gleichsam auf Funktion, Form, Konstruktion und Kosten gerichtet. Zur Zimmerei kamen in der Firma Tischlerei und Schlosserei dazu. In der Hochsaison gab es 180 Beschäftigte. Ich habe von 1949 bis 1951, zwischen Schule und Studium, bei Goes gelernt. Der Polier Rudolf Struck, ein Meister in darstellender Geometrie und handwerklicher Praxis, hat mich als Zimmerer aus- gebildet. Der Tischlermeister Otto Gläser machte mich mit der Bauschreinerei vertraut, der Schlosser- meister Albert Bäseke mit dem Stahlbau und seinen Verbindungsmitteln. Wilhelm Goes brachte mir die Grundzüge des Entwerfens und der Statik von Bau- konstruktionen bei. So konnte ich schon Fachwerk- träger konstruieren und berechnen, ehe ich im Win- tersemester 1951/52 das Studium des Bauingenieur- wesensanderTechnischenHochschuleBraunschweig begann. Während des Studiums habe ich weiter für und mit Wilhelm Goes gearbeitet. Nach dem Stu- dium, in den Jahren 1957 und 1958, vertraute er mir die Leitung des Konstruktionsbüros seiner Firma an. Auch danach, 1959 als wissenschaftlicher Assistent an die Hochschule zurückgekehrt, übernahm ich noch Aufgaben für ihn. Wilhelm Goes war beides, ein guter Ingenieur und ein guter Kaufmann. Menschlich war er aufge- schlossen und zugänglich. Dankbar bin ich ihm für manch scheinbar altmodischen Rat wie den, nur aus dem Selbstverdienten heraus zu investieren, keine Wechsel zu unterschreiben. Ich habe mich später mit meinem eigenen Büro daran gehalten.

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