Leseprobe
45 Vor 15 Jahren, am Reformationstag 2005, wurde die Dresdner Frauenkirche wiedergeweiht. 60 Jahre vor- her, im Februar 1945, war sie nach der Bombardie- rung Dresdens in sich zusammengestürzt. Ihre über den Dächern der Stadt schwebende Steinkuppel war markanter Höhepunkt einer der schönsten Stadtan- sichten Europas. Nach der Zerstörung der Kirche er- innerte ihre Ruine ein halbes Jahrhundert klagend und mahnend an Krieg und Schuld. Der Trümmerberg und zwei aufragende Mauerstümpfe hielten die Hoff- nung wach, dass die Frauenkirche eines Tages wie- dererrichtet werden kann. Vor 30 Jahren, nach der Wende, war es soweit. Der Wiederaufbau der Kirche geriet zu einem großen Gemeinschaftswerk. Darüber ist viel berichtet worden. Heute, in der Rückschau, soll primär vom Anteil der Bauingenieure die Rede sein: worauf sich ihre Arbeit gründete, wie sie den Baugedanken des Barockbaumeisters George Bähr wieder aufnahmen und zeitgemäß umsetzten, und wie der Steinbau die ersten 15 Jahre nach der Fertig- stellung überstanden hat. Der Wiederaufbau der Frauenkirche geschah mit dem ihr eigenen Material, dem sächsischen Sandstein. Das erhalten gebliebene Mauerwerk der Fundamente, des Kellers und der Ruinenwände wurde, ebenso wie eine Vielzahl aus dem Trümmer- berg geborgener Fassaden- und Hintermauerungs- steine, in das wiedererstehende Bauwerk einbezo- gen. Dass die alten Mauern und Steine in der Nach- kriegszeit nicht weggeräumt worden waren, ist zuallererst dem Dresdner Denkmalpfleger Hans Nad- ler zu verdanken. Ohne die Reste der alten Kirche wäre der Wiederaufbau zum Nachbau geraten und nicht zu einer Symbiose von Alt und Neu, wie sie jetzt entstanden ist. Und ohne Hans Nadlers fachliche und moralische Kompetenz, mit der er sich 60 Jahre be- harrlich für den Wiederaufbau der Kirche einsetzte, hätte allen daran Beteiligten ein gehöriges Maß An- sporn und Wegweisung gefehlt. Selten hat ein zu Schaden gekommenes altes Baugefüge in neuerer Zeit so gründliche statisch- konstruktive und baustofftechnische Untersuchung erfahren wie die Frauenkirche. Es wurden alte Scha- densberichte und Fotodokumentationen gesichtet und ausgewertet, Materialprüfungen an Stein, Mörtel, Mauerwerk und Eisen vorgenommen, Erkundungen des Baugrundes, der Fundamente, des Kellermauer- werks und der aufgehenden Ruinenteile durchgeführt, dazu detaillierte Berechnungen des Kraftflusses und der Bauteilbeanspruchungen angestellt. So wurde es möglich, sowohl die Stärken der Bähr’schen Konst- ruktion zu erkennen als auch ihre Schwächen auszu- machen und beim Wiederaufbau zu vermeiden. Zu dem Baugefüge, welches so originalgetreu wie möglich wiedererstehen sollte, gehörte aber nicht nur eine bautechnisch sichere Ausführung. Es gab Vorschläge, die neue Frauenkirche außen und innen »fotogleich« zur zerstörten Vorgängerin zu er- stellen, jedoch nicht wie früher aus puremSandstein, sondern einfacher und preiswerter aus Stahlbeton mit Sandsteinverkleidung. Diese Vorschläge zielten auf das, was man materiell sieht. Es ging aber beim Wiederaufbau der Frauenkirche auch um das Imma- terielle, um das Bewahren der Entwurfs- und Konst- ruktionsidee des Baumeisters George Bähr, um das Maß an innerer Wahrhaftigkeit, welches die wieder- aufgebaute Frauenkirche mit demOriginal verbinden sollte. Das Baugefüge der alten Kirche war ein be- achtliches architektonisches und ingenieurtechni- sches Meisterwerk. Daran ändern auch die Bauschä- den und Baumängel nichts, die es beim Wiederauf- bau mit den Kenntnissen von heute zu vermeiden galt: Die starken Risse in den Pfeilern und anschlie- ßenden Wänden sowie die Regendurchlässigkeit des unten ausschwingenden und oben an den Kuppel- schaft angelehnten steinernen Schleppdaches. Als George Bähr die große Kuppel nicht, wie ur- sprünglich geplant, in Holz, sondern in Stein bauen ließ, haben ihn seine Berufskollegen und Konkurren- ten gewarnt. Sie hielten ihm vor, die Innenpfeiler für das geringere Gewicht der Holzkuppel und nicht für die schwere Last der Steinkuppel ausgelegt zu haben. Bähr erwiderte, es seien nicht nur die acht Pfeiler, welche die Kuppellast trügen: mit jedem Pfeiler seien noch zwei nach außen weisende Wände verbunden, die einen Teil der Last übernähmen. Im Prinzip hat er damit recht gehabt, aber zu seiner Zeit fehlten noch die Kenntnisse und Möglichkeiten, um solchen Last- fluss verlässlich steuern und auf Dauer sicherstellen zu können. Die Wände wichen aus und rissen auf; von dem ihnen zugedachten Teil der Kuppellast floss das meiste in die ohnehin schon hochbeanspruchten Pfeiler ab, überlastete sie und spaltete sie auf. Immer wieder in den 202 Jahren, welche die Frauenkirche
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